Redaktioneller Hinweis für alle, die nicht im Thema sind:
Sprunginnovationen sind bahnbrechende Neuerungen, die bestehende Technologien oder Geschäftsmodelle grundlegend verändern. In Deutschland fördert die Bundesagentur SPRIND genau solche radikalen Innovationen von neuen Technologien bis hin zu Lösungen mit gesellschaftlicher Wirkung.
Sommerferien im Freibad. Die Schwimmerbahnen werden von ganz außen auf die Bahnen fünf und sechs verlegt, damit sich die Jugendlichen mit Tagesfreizeit und jeder Menge Energie auf den beiden äußeren Bahnen ordentlich austoben können.
Und das bedeutet Springen.
Von der Seite, vom Rand, von den Startblöcken. Kreuz und quer, nacheinander, nebeneinander, übereinander.
Es macht schon Spaß, nur zuzusehen, und das Freibad wirkt auf einmal sehr viel lebendiger. Außerdem ist es scheinbar ansteckend: Die ersten Papas springen. Erst vorsichtig, dann selbstbewusster. Eine komplette Familie geht mehr oder weniger elegant zusammen ins Wasser.

Es ist sehr ansteckend: Aufstehen, drei Schritte zum Beckenrand und sich dann mit dem Kopf zuerst reinfallen lassen.
Abgekühlt und mit klarem Kopf lässt es sich entspannter nachdenken: Noch ein paar Bahnen schwimmen, gleich die Schwimmbad-Pommes oder die Mittagspause beenden, zurück zum Schreibtisch und einen inspirierenden Artikel über den ersten Schritt zu mehr Sprungkraft und Innovationsfreude – privat und in der Wirtschaft – schreiben.
Oder doch Variante vier: Recherche. Ein bisschen Zeit nehmen, um die Aktivitäten im nächsten Level – am Sprungturm – zu checken. Da geht es etwas disziplinierter zu. Die Todesmutigen stehen brav in einer Reihe an, während zwei Bademeister beobachten und dabei das höchste Level an Autorität und Sicherheit ausstrahlen, das man in Adiletten und Badehose erreichen kann.
Füße zuerst vom Dreier.
Füße zuerst vom Dreier mit Nase zuhalten.
Köpper vom Einer.
Gehopster Akt der Verzweiflung mit halber Schraube vom Dreier.
Flachköpper vom Dreier. Autsch.
Was davon jetzt gelungen ist oder nicht, kann man auch ohne Sichtkontakt an den Reaktionen der am Beckenrand stehenden Freund:innen, Kumpels und Eltern erkennen.
„Wow.“
„Ui.“
„Yeah.“
„Oh, oh …“
Hey, genauso funktioniert ein Start-up: Du springst los und alle schauen, ob du gut landest oder auf die Fre##e fällst.
Aber den ersten Schritt sieht keiner.
Meine Geschichte schreibt sich quasi von selbst.
Der Sprung ist das, wo alle hingucken. Der erste Schritt muss vorher passieren: die Leiter am Sprungturm hochklettern, in der Mensa die zukünftigen Mitgründer:innen anquatschen. Kleine Schritte in die richtige Richtung.
Wir sind alle ein bisschen zu sehr auf die Ergebnisse fokussiert.
Das kann man im Schwimmbad fürs Leben lernen: Niemand klatscht, wenn einer die Leiter hochklettert. Aber ohne den Mut zum ersten Schritt gibt es keinen Sprung. Oder Erfolg. Und schon gar keinen erfolgreichen Sprung.
Man muss fairerweise sagen, dass man dann natürlich auch nicht scheitern kann, was beruflich und im Schwimmbad wehtut. Vor allem, wenn man finanziell oder vom 3-Meter-Brett auf dem Bauch landet.

Das sollte man vielleicht schon mal als erste Lebenshilfe stehen lassen!
Aber noch mal zurück zum ersten Schritt: Kann der wirklich so wichtig sein? Warum haben wir dann in Deutschland keine Agentur für den „ERSten Schritt IN Deutschland“ – ERSIND –, dafür aber SPRIND – die Agentur für „SPRunginnovation IN Deutschland“?
Keine Sorge: Das hat seinen Grund und ist gut so!
Wir haben nämlich ein noch größeres Problem mit dem Wort „Sprung“: Es klingt nach einem einzigen, großen Satz. Nach Mut, den man hat oder nicht hat. Nach einem Menschen, der am Rand steht und sich einfach nicht traut oder einer Geschäftsidee, die zu groß und absurd klingt. „Ja, wenn wir in Amerika wären …“ ist übrigens ein Satz, den man in praktisch jedem deutschen Gründerumfeld täglich hört.
SPRIND setzt genau dort an. Die SPRIND wurde 2019 vom Bund gegründet, hat ihren Sitz in Leipzig und nennt sich selbst „Heimat für radikale Neudenker:innen“.
Gemeint ist der radikale Bruch: nicht die bessere Version von etwas Bekanntem, sondern etwas völlig Neues. Das Smartphone war so einer. Das Internet. Dinge, die den Alltag umbauen. Ein hoher Anspruch. Ein großes, schönes, gesellschaftsveränderndes Ziel.
Und wie fängt so ein Ziel an? Klein.
Ich habe den Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera vor ein paar Jahren bei einem Termin in Wiesbaden erlebt. Was hängen blieb, war nicht nur die große Vision, die Überzeugungskraft, die Energie – sondern die Nüchternheit dahinter. Eine Agentur, die radikale Ideen fördert, tut das nicht mit einem einzigen genialen Wurf. Sie sichtet. Sie prüft. Sie finanziert erst mal ein Stück weit und schaut, ob die Richtung stimmt. Von über tausend Einreichungen wird am Ende die Handvoll weiterverfolgt, die trägt. Man versteht das. Man fördert das. Man nimmt die Angst vorm Bauchklatscher und macht Lust auf den ersten Schritt.
Hier geht’s zur SPRIND Website.
Wer jetzt ein bisschen desillusioniert von der Website zurückkommt: Diese Flughöhe muss leider sein. Wir reden hier vom nächsten Internet, von dem, was nach dem Smartphone kommt, und nicht von einem Handy mit leicht verlängerter Batterielaufzeit!
Das macht ein bisschen Angst und verhindert in der Industrie oft den nötigen ersten Schritt. Genauso wie ein Sprung vom 5-Meter-Brett auch Respekt einflößt und man lieber ein Eis essen geht, als zu versagen.
Nichts tun ist der falsche Move.
Wir starten in beiden Fällen vom Beckenrand. Das macht Spaß, ist nahezu ungefährlich, aber schon ein Schritt Richtung 3-Meter-Brett.
Der vergleichbare Start in der Industrie wäre es zum Beispiel, den Mitarbeitenden nicht gleich mit der Vision vom großen Sprung einen Riesenschreck einzujagen, sondern einen schlauen ersten Schritt zu finden. Also herauszufinden, wo zum Beispiel in der Automobilindustrie inklusive Zulieferer der Beckenrand wäre.
Die große Kunst ist es, diesen ersten Schritt angstfrei und für einen Zugewinn an Selbstvertrauen und Lebensfreude zu gestalten. Zum Beispiel vom Beckenrand einfach locker ins Wasser hopsen. Eleganz? Egal.
Oder als Maschinenbauingenieur die Website vom Sportverein gestalten und umsetzen. Designpreis? Egal!
Selbstvertrauen und Spaß? Fünf Sterne!
Das heißt nicht, dass man damit automatisch fit ist für den zweieinhalbfachen Salto mit Schraube oder die Programmierung eines digitalen Zwillings – aber zumindest das Interesse ist geweckt.
Kann man sich den Mut für den ersten Schritt antrainieren, oder muss man auf das absurd aufwendige und komplizierte Schulungsprogramm der HR-Abteilung warten?
Der beste Tipp: Eine neue Sportart anfangen, in der man definitiv nicht gut ist. Wenn man keine Angst mehr davor hat, sich lächerlich zu machen und langsam besser wird, kann man dieses Erfolgserlebnis mit in andere Bereiche nehmen.
Dieser einfache Trick funktioniert in vielen Bereichen. Der mittelalte Metal-Fan mit Van-Halen-T-Shirt sollte unbedingt NICHT Gitarre lernen. Wo soll denn das auch hinführen? Da wird immer ein unüberhörbarer Abstand bleiben. Lern doch Saxofon. Familie, Freunde und Nachbarn werden dich hassen, aber die Erfolge messen sich nicht an einem uneinholbaren Idol, sondern an den leiser werdenden Protestrufen der Anlieger. Stolz!
Fazit
Vielleicht liegt hier der eigentliche Denkfehler unserer Zeit. Wir warten auf die große Idee, den großen Sprung, den fertigen Plan. Den Moment, in dem wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren, sondern abheben.
Aber irgendwie müssen wir vorher auf die Plattform kommen.
Die Welt feiert die Momente, für die es Beifall gibt. Sie wartet auf die Bilder, die sich für die Zeitlupe lohnen.
Zukunft ist eine Entscheidung. Sie beginnt nicht mit dem Sprung. Sie beginnt mit dem ersten Schritt, den niemand feiert.




