Der diesjährige Sommerurlaub führte mich auf rund 2.900 Kilometern zunächst aus dem schönen Rhein-Main-Gebiet in Richtung Patatas Bravas und Pimientos, dann weiter zu Kiwibäumen und Arte Sella und schließlich in den sympathischsten Teil Österreichs: die Heimat von DJ Ötzi.
2023 war ich das erste Mal in Tirol und habe mich nicht nur in die Natur, Almdudler und das Wort „Jause“ verliebt, sondern auch in zwei Menschen, die seither einen festen Platz in meinem Herzen haben: Helmut und Waltraud Rief. Ich habe keine Ahnung, wie mein Bruder damals auf das Ehepaar, ihre Schleiferei und das angeschlossene Museum gestoßen ist. Aber es war einer dieser Zufälle, für die man im Nachhinein sehr dankbar ist.
Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal da – diesmal ganz bewusst. Denn hinter der Schleiferei Rief in Tirol steckt weit mehr als ein Betrieb zum Messer- und Scherenschleifen. Helmut und Waltraud Rief haben über Jahrzehnte ein außergewöhnliches Handwerksunternehmen aufgebaut und mit ihrem Erlebnis-Museum gleichzeitig ein Stück Technikgeschichte bewahrt. Und weil subzeroes bekanntlich Menschen feiert, die Dinge machen, statt nur darüber zu reden, war eigentlich klar, dass irgendwann ein Text über die Schleiferei Rief und ihr Museum fällig wird.
Helmut und Waltraud zeigen, dass ein erfolgreiches Unternehmen nicht nur aus Fachwissen entsteht, sondern auch aus Vertrauen, Leidenschaft und dem Wunsch, gemeinsam etwas Sinnvolles zu schaffen. Und so viel sei schon mal verraten: Es geht in den kommenden Zeilen zwar auch um die Technik hinter scharfen Klingen, aber es wird auch ein bisschen romantisch!
Mit dem mobilen Schleifbetrieb durch Tirol
Wenn das Messer nicht zur Werkstatt kommt, dann kommt eben die Werkstatt zum Messer! So einfach war die Grundidee, mit der Helmut und Waltraud 1982 ihren Betrieb gründeten: Warum sollten Kundschaft und stumpfe Klinge den weiten Weg auf sich nehmen, wenn die Werkstatt genauso gut zu ihnen kommen kann? Also bauten sich Helmut und Waltraud einen fahrbaren Schleifbetrieb in einen LKW und klapperten damit über Jahrzehnte hinweg die entlegensten Winkel Tirols ab. So brachte die Schleiferei Rief die Klingen von Wirten, Metzgereien, Coiffeuren, Großküchen, Schneidereien und Privatpersonen wieder in Schwung und sorgten für gescheite Haarschnitte, feines Hack und akkurate Stoffzuschnitte.
Das mobile Konzept funktionierte derart gut, dass das feste Ladengeschäft irgendwann nur noch an einem einzigen Wochentag überhaupt aufgesperrt war. Der Rest der Woche spielte sich komplett auf der Straße ab. Zum Glück gab es irgendwann das erste Mobiltelefon, das heute sogar im hauseigenen Museum zu bestaunen ist. Damit konnten Helmut und Waltraud auch unterwegs Anrufe entgegennehmen, statt zuhause von einem komplett vollgequatschten Anrufbeantworter begrüßt zu werden.
Mit der Zeit kam außerdem ein Versandservice dazu, damit auch Menschen jenseits der Tiroler Landstraßen in den Genuss scharfer Klingen kamen. Das Schleifen von Frisörscheren aus ganz Österreich und darüber hinaus war laut Waltraud über all die Jahre so etwas wie Helmuts entspannte Sonntagsbeschäftigung. Da merkt man wieder, wie schön es ist, wenn man seine Arbeit gerne macht!
Die Geschichte des Erlebnis-Museums der Schleiferei Rief
2011 begann für das Ehepaar Rief neben ihrer Arbeit in der Schleiferei der Aufbau des Erlebnis-Museums. Und ganz ehrlich: Ein Besuch lohnt sich wirklich für jeden Menschen, der auch nur ansatzweise für Handwerk zu begeistern ist. Seit über einem Jahrzehnt tragen Helmut und Waltraud regelmäßig Werkzeuge und Geräte aus Unternehmen, von Flohmärkten oder aus Haushaltsauflösungen zusammen, bringen sie eigenhändig wieder in Schuss und stellen sie liebevoll und einsatzbereit aus. Mittlerweile ist aus der Sammlung eine Ausstellung auf 300 Quadratmetern geworden, auf der Technikgeschichte nicht nur betrachtet, sondern angefasst und ausprobiert werden darf. Bei den Schleifkursen, die das Ehepaar lange Zeit angeboten hat, war eine Tour durchs Museum quasi Ehrensache.
Das Museum zeigt eindrücklich: Scharfe Klingen stecken in überraschend vielen Berufen. In der nachgebauten Schusterwerkstatt wird Leder zurechtgeschnitten, in der Uhrmacherwerkstatt braucht es Präzisionsklingen, im Metzgerbetrieb wird – nun ja – gemetzgert (go vegan!), in der Landwirtschaft geht ohne scharfe Klingen weder Bodenbearbeitung noch Ernte, und in der Zimmerei entstehen schöne Möbelstücke nur dann, wenn Hobel und Stechbeitel wirklich scharf sind.
Aber auch abseits der Handwerksberufe sind Klingen überall zu finden. Schon mal drüber nachgedacht, dass man Rasierklingen schärfen kann? Oder dass Augenbrauen mit einer scharfen Pinzette gleich viel präziser in Form kommen? Dass selbst der Locher auf dem eigenen Schreibtisch mit Klingen arbeitet, die irgendwann stumpf werden? Sogar Schlittschuhe brauchen hier und da eine Portion Klingenpflege. Sobald man einmal angefangen hat, über scharfe Klingen nachzudenken, sieht man sie plötzlich überall – HILFE!

Auch bei meinem zweiten Besuch bei der Schleiferei Rief gab es noch jede Menge Neues zu lernen. Besonders gut gefallen hat mir als bekennende Freundin des Unfugs eine Geschichte, die Waltraud vor der mobilen Fahrrad-Schleifmaschine erzählte. Darauf sitzt ein kleines Plüsch-Äffchen, als Anspielung auf eine mir bis dahin unbekannte Redewendung: „Wie ein Affe auf dem Schleifstein sitzen“ bedeutet umgangssprachlich, in seltsam-krummer Haltung dazusitzen und dabei ziemlich albern auszusehen – quasi wie die subzeroes-Redaktion kurz vor Redaktionsschluss einer neuen Ausgabe.
Die Redewendung kommt aber nicht von ungefähr: Früher zogen wandernde Schleifer mit ihrem Schleifstein von Markt zu Markt und brauchten schon damals kreative Marketing-Ideen, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen – Influencer gab’s damals ja noch nicht so wirklich. Ihre Lösung: ein kleiner, dressierter Affe, der um den Schleifstein herumturnte und oftmals auf ihm drauf saß, um Laufkundschaft anzulocken. Aus heutiger Tierschutz-Perspektive ziemlich fragwürdig und für den Affen vermutlich alles andere als bequem – aber offensichtlich wirksam genug, um bis heute als Redewendung zu überleben.

Warum die beiden keine Nachfolge suchen
2016 zogen sich Helmut und Waltraud offiziell aus dem Tagesgeschäft der Schleiferei Rief zurück. Einen Nachfolger für den Betrieb gibt es bis heute nicht. Das ist kein trauriges Schicksal, sondern eine ziemlich bewusste Entscheidung. Nach hunderttausenden professionell geschliffenen Messern liegt die eigene Messlatte für Qualität einfach zu hoch, um das Unternehmen guten Gewissens weiterzureichen. Klingt übertrieben? Vielleicht. Aber diese Art von Schärfe erreicht wohl wirklich nur, wer sein Handwerk so lebt wie der Handwerksmeister Helmut. Ich kann das aus erster Hand bestätigen: Helmut hat 2023 ein paar Taschenmesser für meinen Bruder und mich geschliffen, und die schneiden bis heute durch jegliches Material wie durch Butter.
Eines dieser Messer wohnt seither dauerhaft in meiner Bauchtasche, einsatzbereit für jede spontane Jause, bei der mein Tofu in mundgerechte Stücke geschnitten werden möchte. Und Kenner:innen wissen natürlich, wie widerspenstig gerade Tofu-Packungen sein können, doch daran ist mein kleines Messer dank Familie Rief in den letzten drei Jahren noch nie gescheitert. Und weil man im Kreis Offenbach natürlich nicht genug Messer an der Frau tragen kann, trage ich das Motiv des Tofu-Messers inzwischen auch als Tattoo unter der Haut. Dass die Klingenlänge streng genommen gegen deutsche Vorschriften verstößt, ist zumindest bei diesem Messer im Fall einer Polizeikontrolle kein Thema…
So viel also zu meinem Messer. Jetzt aber zurück zur Geschichte der Schleiferei Rief, die noch lange nicht vorbei ist. Dort wird nämlich auch heute noch geschliffen, trotz offiziellem Ruhestand. Stolz wurde bei meinem Besuch die neue Schleifmaschine präsentiert, mit der weiterhin die Klingen der Kundschaft geschliffen werden. Wer sich also mal höchste Handwerkskunst ansehen möchte, macht mit den beiden einfach einen Termin aus und bringt die stumpfen Klingen persönlich vorbei oder schickt sie per Post in die Werkstatt. Vielleicht gibt’s bei ja bei Rücksendung auch ein paar Pflaster dazu?
Ab und zu geht man getrennte Wege
Während sich Helmut sich in der Werkstatt gerade liebevoll um ein paar Scheren kümmerte, war ich mit Waltraud inzwischen bei einem ganz anderen Thema angelangt.
Sie erzählte, dass die beiden kürzlich goldene Hochzeit hatten und dabei natürlich nicht nur gefeiert wurde, dass sie 50 Jahre zusammen gelebt haben, sondern auch einen beachtlichen Teil davon zusammen gearbeitet haben. Sie waren zusammen im LKW auf Tirols Straßen unterwegs, haben in der Werkstatt der Schleiferei Rief geschafft und gemeinsam ein ganzes Museum sowie ein Eigenheim aufgebaut. Mit Helmut und Waltraud habe ich zwei Menschen kennengelernt, die seit so vielen Jahren durch dick und dünn gehen und dabei nie aufgehört haben, gemeinsam an etwas zu bauen, für das sie brennen. Man merkt bei den beiden sofort: Sie lieben, was sie tun – und dass sie es gemeinsam tun.
Bei ihrer Hochzeit vor fünfzig Jahren hatte sich Waltraud bewusst gegen ein weißes Kleid entschieden. Geschworen hat sie sich dabei aber etwas: Sollten die beiden tatsächlich einmal die goldene Hochzeit erreichen, will sie an diesem Tag in Weiß feiern.
Kurz vor dem Jubiläum waren Helmut und Waltraud gemeinsam auf einem Flohmarkt unterwegs, auf der Suche nach neuen Stücken fürs Museum. Dabei entdeckte Waltraud an einem Stand ein schönes weißes Kleid – genau richtig für den bevorstehenden Anlass. Helmut zeigte sich davon eher unbeeindruckt, und die beiden zogen weiter. Kaum war Helmut an einem anderen Stand abgelenkt, schlich sich Waltraud zurück zu dem Kleid, erzählte der Verkäuferin, wofür es gedacht war, und bekam es blitzschnell eingepackt – schnell genug, um unbemerkt wieder zu Helmut zurückzukehren. Der Plan: ihn am Hochzeitstag mit dem Outfit zu überraschen. Ganz so, wie sie es sich vor fünfzig Jahren erträumt hatte.
Was Waltraud zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Helmut hatte in der Zwischenzeit exakt denselben Plan. Er ging zurück zum Stand, um das Kleid heimlich für seine Frau zu kaufen und bekam von der Verkäuferin aber nur noch zu hören, dass eine nette Dame es gerade eben schon mitgenommen habe. Die Enttäuschung war natürlich verflogen, als die Überraschung verkündet wurde und Waltraud in ihrem weißen Kleid vor Helmut stand. Nach fünfzig Jahren Ehe und mehr als vierzig Jahren gemeinsamer Arbeit schaffen sie es offenbar immer noch, sich gegenseitig zu überraschen. Wenn das keine Couple-Goals sind, dann weiß ich auch nicht!

Was vom Besuch der Schleiferei Rief bleibt
Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal bei Helmut und Waltraud in der Schleiferei Rief war, dachte ich, ich würde einfach etwas über scharfe Klingen lernen und mit geschärften Messern nach Hause gehen. Und das war auch so. Aber vor allem habe ich zwei Menschen kennengelernt, die mit ihrer Arbeit, ihrem Museum und ihrem Umgang miteinander zeigen, was Leidenschaft, Hingabe und Zusammenhalt bewirken können.
Das Ehepaar Rief lebt im Grunde seit Jahrzehnten die Königsdisziplin des Gründens: nicht nur nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Und dann auch noch mit der Person, mit der man auch das restliche Leben teilt. Das Privatleben und das Berufsleben zu vereinen ist nicht immer ganz ohne Risiko, denn wenn zwischen Werkstatt und Wohnzimmer keine klare Grenze mehr existiert, muss die Beziehung schon einiges aushalten können.
Vielen Dank, liebe Waltraud, lieber Helmut, dass ihr euch auch dieses Mal wieder so viel Zeit genommen habt. Danke, dass ich durch euer Museum streifen, euren Geschichten lauschen und so viele spannende Dinge lernen durfte. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr euch eure Begeisterung für das Handwerk, eure Neugier und euren Humor noch viele Jahre bewahrt. Und ich hoffe, dass noch viele Menschen den Weg zu euch finden. Nicht nur, um ihre Messer schleifen zu lassen, sondern weil man bei euch etwas ganz besonderes erlebt: echte Gastfreundschaft und zwei Menschen, die lieben, was sie tun.
Wer Helmut und Waltraud kennenlernen möchte: Auf ihrer Website gibt’s alle nötigen Infos zur Werkstatt und Museum, dazu jede Menge Fachwissen und Tipps rund ums Messer-Schleifen sowie zahlreiche Bilder und Beiträge über die Arbeit der beiden.




