Kommunaler Klimaschutz: Das Schwimmbad war warm – und das ändert alles

von | Apr. 30, 2026

Klimaschutz als Reizwort – das kennen wir alle. Im Bundestag, auf Social Media, in Talkshows. Kaum fällt der Begriff, geht es ums Prinzip, um Weltanschauung, um Identität. Wer ist dafür, wer dagegen, wer ist naiv, wer ist rückständig. Das nervt. Und das bremst.

Aber weißt du, wo dieser Streit kaum stattfindet? Im Gemeinderat von Bakum, Niedersachsen. Und in tausenden anderen Kommunen in Deutschland. Weil dort eine ganz andere Frage im Mittelpunkt steht: Was bringt’s uns?

Die Situation: Oben Ideologie, unten Pragmatismus

Die Bundesregierung wackelt bei der Energiewende. In Berlin wird debattiert, gebremst, neu verhandelt. Und das frustriert nicht die üblichen Verdächtigen – sondern ausgerechnet Menschen, die man nicht unbedingt in der Klimabewegung verortet hätte: Bürgermeister:innen auf dem Land, in strukturschwachen Regionen, in CDU-dominierten Gemeinden.

Eine bundesweite Befragung unter mehr als 600 Bürgermeister:innen, die der Verein heimatwurzeln und die Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND) im Zeitraum Januar bis März 2026 durchgeführt haben, macht das sehr deutlich: Vier von fünf befragten Bürgermeister:innen berichten von hoher Akzeptanz für die Energiewende in ihrer Gemeinde. Gleichzeitig sind zwei Drittel der Meinung, dass der kommunikative Kurs der Bundesregierung dieser Akzeptanz vor Ort schadet.

Das ist eine ziemlich starke Aussage – und sie kommt nicht von Klimaaktivist:innen.

Die Erkenntnis: Klimaschutz, der sich rechnet, braucht keine Überzeugungsarbeit

Tobias Averbeck, Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Bakum im Landkreis Vechta, ist Christdemokrat. Sein Gemeinderat auch – zu 75 Prozent. Und trotzdem hat seine Gemeinde seit Jahren ein Fernwärmenetz, Solaranlagen, Windkraft, Batteriespeicher und Schnellladesäulen. Warum? Weil es sich lohnt. Weil das kommunale Schwimmbad auch während der Energiekrise nach dem Angriff auf die Ukraine geöffnet und warm blieb. Weil die Strompreisschwankungen auf dem Weltmarkt der Gemeinde schlicht egal sein können, wenn der Strom aus eigenen Anlagen kommt.

Mit Parteipolitik habe das alles nichts zu tun, sagt Averbeck. In der Studie wird er mit den Worten zitiert: „Vor Ort in den Kommunen entscheidet sich, ob Projekte umgesetzt werden. Wenn der Netzausbau nicht Schritt hält, geraten millionenschwere Vorhaben ins Wanken – und das bremst Investitionen für unseren Standort.“

Das ist kein Klimabekenntnis. Das ist Standortpolitik. Und genau darin liegt der Schlüssel.

heimatwurzeln, der Bonner Verein hinter der Studie, hat sich exakt das auf die Fahnen geschrieben: bürgerlichen Klimaschutz etablieren – ohne Moral, ohne Verbote, dafür mit direktem Nutzen. Die Idee dahinter: Menschen sollen Klimaschutz nicht aus Überzeugung betreiben, sondern weil er sich für sie persönlich rechnet. Klingt zunächst unromantisch. Funktioniert aber.

Die Belege: Was in deutschen Kommunen längst Realität ist

Die Zahlen aus der Studie sind beeindruckend: In acht von zehn befragten Gemeinden gibt es bereits Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden. In fast drei Viertel der Kommunen Ladesäulen für E-Autos. Das sind keine Zahlen aus Öko-Vorzeigestädten in Bayern oder Baden-Württemberg – das ist der bundesdeutsche Querschnitt.

Interessant ist auch, was als nächstes geplant ist: Energiespeicher stehen ganz oben auf der Wunschliste, gefolgt von Großwärmepumpen, Geothermie und Solarthermie. Kommunen denken langfristig – weil sie langfristig planen müssen. Investitionen in Infrastruktur zahlen sich erst über Jahre aus, und das zwingt zur Vernunft.

Besonders aufschlussreich: Die Akzeptanz in der Bevölkerung hängt laut den befragten Bürgermeister:innen vor allem an zwei Dingen – günstigeren Energiepreisen und einer direkten finanziellen Beteiligung der Bürger:innen. Klimaschutz als abstraktes Zukunftsprojekt zieht kaum. Klimaschutz, der die Stromrechnung senkt, zieht sehr.

Dr. Anita Maaß, Bürgermeisterin von Lommatzsch im Landkreis Meißen, bringt das in der Studie auf den Punkt: „Die Energiewende entscheidet sich auch an der Frage, wie sie kommuniziert wird. Wenn aus Berlin und den Landeshauptstädten ermutigende Signale kämen, die über Legislaturperioden hinaus verlässlich wären, würde uns das helfen, Menschen vor Ort mitzunehmen.“

Dass diese Haltung kein Einzelfall ist, zeigt ein Blick auf eine frühere IKND-Erhebung unter ostdeutschen Bürgermeister:innen aus dem Jahr 2024: Damals gaben bereits 90 Prozent der befragten Kommunen an, in den nächsten fünf Jahren Energiewende-Projekte umsetzen zu wollen. Die größte Chance sahen 59 Prozent in den Einnahmen für den Gemeindehaushalt – noch vor dem Beitrag zum Klimaschutz selbst. Die Motive sind pragmatisch. Und genau deshalb funktioniert es.

Das Fazit: Was das für die Zukunft bedeutet

Die große Klimadebatte auf nationaler Ebene ist wichtig – keine Frage. Aber sie ist auch laut, verfahren und oft von symbolischen Kämpfen geprägt, die echten Fortschritt eher bremsen als befördern.

Was gerade auf kommunaler Ebene passiert, ist deshalb so wertvoll: Dort entscheiden Menschen, die Rechenschaft ablegen müssen. Die nicht wiedergewählt werden, wenn die Heizkosten explodieren oder das Freibad schließt. Die keine Weltanschauungsdebatten führen können, wenn ein Umspannwerk ausgelastet ist. Das zwingt zur Sachlichkeit – und zur Kreativität.

Die Studie zeigt aber auch: Der Wille ist da, die Rahmenbedingungen fehlen. Fast jede zweite befragte Kommune nennt fehlende Netzkapazitäten als zentrales Hemmnis. Mehr als 73 Prozent beschreiben ihre Haushaltslage als angespannt. Und mehr als 63 Prozent fordern einfachere Förderstrukturen, die nicht jedes Mal Monate bürokratischer Kleinarbeit voraussetzen. Die Energiewende scheitert vor Ort also selten am Willen – sie scheitert an den Bedingungen.

Das macht den Optimismus nicht kleiner. Im Gegenteil: Wenn so viele Kommunen trotzdem handeln, trotzdem investieren und trotzdem liefern – dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine echte Botschaft.

Die Energiewende wird nicht in Berlin gewonnen oder verloren. Sie passiert gerade in Bakum, in Lommatzsch, in tausend anderen Gemeinden, die einfach machen. Wenn die große Politik das nicht bremst – und endlich anfängt, mitzuhelfen – dann wird aus dem kommunalen Klimaschutz irgendwann die Erfolgsgeschichte, die er sein könnte.

*Quelle: heimatwurzeln e.V. / Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND): Pressemitteilung „Bürgermeister bereit, Bedingungen bremsen“, 29. April 2026 heimatwurzeln.de, Bundesweite Befragung von 609 Bürgermeister:innen, Januar bis März 2026. Sowie: IKND-Umfrage unter ostdeutschen Bürgermeister:innen, Juni 2024 initiative-klimaneutral.de


Frank
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