Wie Donald Trump vom Fernsehen groß gemacht wurde – und was klassische Medien daraus gelernt haben. Oder auch nicht.
Warum reden wir eigentlich so viel über Social Media, wenn wir über Medienkompetenz sprechen? Als wären TikTok, Instagram, Facebook und X die aktuellen Gegner – und die klassischen Medien nur noch Zuschauer.
Vielleicht kümmern wir uns zu oft um Algorithmen und zu selten um die anderen Akteure, die Spotlights zu vergeben haben.
Die US-amerikanischen Massenmedien – allen voran die großen TV-Sender – haben darauf vor Kurzem eine ziemlich eindeutige Antwort gegeben.
Donald Trump und die Medien: Der Pressebann
Was ist passiert? Der amerikanische Präsident verbannt die beiden großen Sender CNN und MSNOW sowie den Springer-Ableger Politico aus dem Weißen Haus. Ein Bundesrichter hat den Bann inzwischen vorläufig aufgehoben. Der Streit geht weiter.
Empörung.
Ganz klar: Das geht nicht!
Erster Verfassungszusatz und so weiter.
Der Tenor der Berichterstattung bei den Sendern: ruhig, spöttisch, nonchalant. Katy Tur, Kaitlan Collins und Stephanie Ruhle verurteilen den Schritt. Gleichzeitig vermitteln sie den Eindruck, als dächten sie: ‚Der kann nicht ohne uns. Der braucht die Kameras – und er weiß das.‘
Ja, er weiß das. Er braucht die für sein Ego – aber nicht nur. Die haben ihn überhaupt erst groß gemacht. Er weiß das. Und die Sender wissen das auch. Er braucht sie sogar doppelt: als Spotlight und als Feindbild, um politisch zu überleben. Eine extreme Bewegung ohne „die anderen“ als Feindbild funktioniert meist nicht so gut.
Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern dieses Artikels. Nicht zu Trump. Nicht zu TikTok. Sondern zum Spotlight selbst.
Wer bestimmt, wer hinein darf? Was passiert mit jemandem, der lange genug im Scheinwerferlicht steht? Zeigen Medien nur, wer bereits wichtig ist – oder machen sie Menschen erst wichtig, indem sie sie immer wieder zeigen?
Jemand erhält das Spotlight, weil das Publikum ihn sehen will und das Medium dafür mit Quote, Klicks, Reichweite oder Verkäufen belohnt wird. Durch das Spotlight lernen ihn noch mehr Menschen kennen. Damit wird er noch interessanter. Und das Spotlight noch heller. Eine Maschine, die sich irgendwann selbst füttert.
Läuft das wie bei Frankenstein – erschaffen die Medien ihre eigenen Monster?

Die Aufmerksamkeit
Wir erinnern uns: Trump gewann seine Wahlen nicht allein mit dem harten Kern seiner Gefolgschaft. Wer Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss weit über diesen Kern hinaus Menschen erreichen, die nicht jeden Tag in MAGAritaville unterwegs sind. Zweimal gelang ihm das. Beim zweiten Mal erhielt er sogar deutlich mehr Stimmen als beim ersten.
Ein guter Grund, kurz misstrauisch zu werden gegenüber der inzwischen ziemlich bequemen Erklärung, Social Media sei für nahezu jede politische und gesellschaftliche Katastrophe verantwortlich. Wie wird aus einer lauten Figur vom Rand der Gesellschaft eine Persona, die über Jahre hinweg in Millionen völlig normalen Wohnzimmern auftaucht?
Hier lohnt sich ein Blick zurück. Auch um uns in Deutschland etwas mehr Sicherheit und Ideen für den Umgang zwischen Medien und Extremen zu geben.
Wir befinden uns hierzulande zwar in relativ guten öffentlich-rechtlichen Händen. Und im Printbereich gibt es durchaus attraktive und verlässliche Leitmedien. Trotzdem ist auch hier die Unsicherheit groß: Berichten und extremen Ansichten eine Bühne geben oder ignorieren und damit die Pflicht vernachlässigen, die Öffentlichkeit zu informieren?
Wobei diese Gegenüberstellung schon einen Denkfehler enthält. Niemand verlangt ernsthaft, relevante politische Kräfte totzuschweigen. Die interessantere Frage lautet: Wann ist Berichterstattung noch Berichterstattung – und wann wird sie zur Bühne?
Dazu sprach Michel Friedman im SWR-Demokratieforum1) auf dem Hambacher Schloss mit Anette Dowideit, Chefredakteurin des Medienhauses Correctiv, Peter Müller, ehemaliger Verfassungsrichter und früherer Ministerpräsident des Saarlandes, und Carsten Knop, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Die Frage nach dem Spotlight steht damit im Raum. Jetzt brauchen wir nur noch ein ziemlich spektakuläres Fallbeispiel.
Elegante Überleitung zum wohl bekanntesten Beispiel einer TV-Promi-Symbiose.
Vom gescheiterten Geschäftsmann zum gefeierten Darsteller
Wie Donald Trump einer ganzen Nation mit erfundener Success-Story doch noch etwas erfolgreich verkaufte: sich selbst!
Wenn man selbst in den an Selbstdarstellern nicht gerade armen USA für ein Großmaul gehalten werden will, muss man die Klappe schon verdammt weit aufreißen.
Das konnte der Donald von Anfang an. So laut und schamlos, dass er selbst bei uns über den Atlantik hinweg als Sinnbild des typischen taktlosen und großspurigen Amis bekannt war.
Dass er als Kontrastprogramm dazu geschäftlich bei vielen seiner Projekte brutal erfolglos war, machte die Aufschneiderei nur noch lustiger. Und als schließlich die Pleite seiner Casinos bekannt wurde, schien die Story ausgereizt. Ein Selbstdarsteller verprasst Papas Geld und kann nicht mal mit der totsicheren Geschäftsidee Glücksspiel was reißen. Die landläufige Meinung: Jede Wette, dass der irgendwann mit Zementschuhen im Hudson untertaucht, weil irgendein windiger Geschäftspartner ein paar fällige Raten nicht bekommen hat.
The Loser
Aber es kam anders. Denn obwohl sich trotz einer ambitionierten Anzahl von „Versuchen“ partout kein anhaltender geschäftlicher Erfolg einstellen wollte, ergab es sich, dass das Land ihn trotzdem als erfolgreichen Geschäftsmann erlebte. Zwar als Fake und nach Drehbuch inszeniert. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aber begrenzten Horizonte absolut einen Versuch wert.
Und wie kam es dazu?
Trump drängte sich zwar bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund, wurde aber eher als komische Nummer oder C-Promi wahrgenommen. Bis eines Tages ein TV-Produzent die Schnauze voll vom Reisen hatte, eine Serie in den USA produzieren wollte und zusammen mit Donald Trump als Darsteller für die Rolle „erfolgreicher Geschäftsmann“ die Reality-Show „The Apprentice“2) entwickelte – hauptsächlich um mal in Ruhe in New York drehen zu können.
The Apprentice: Wie das Fernsehen Donald Trump groß machte
Das muss man auch mal anerkennen: Die Show war ein Erfolg. Jedenfalls am Anfang. Die Zuschauerzahlen der ersten Staffel lagen im Schnitt bei 20 Millionen. Ein Erfolg. Das war zwar nach der ersten Staffel vorbei und die Begeisterung beim Publikum ließ spürbar nach, aber Trump hatte sein wahres Talent entdeckt: Selbstvermarktung.
Trump als Marke bekam durch die Präsenz in einem Massenmedium Wind unter die Flügel. Jetzt startete eine Flut an Vermarktungsideen: Trump-Steak, -Wasser, -Vodka, -Magazin, -Universität etc. Googelt selber, kann aber dauern. Und auch wenn viele floppten: Es kam Geld in die Kasse.
Persona non … vera?
Seine Bekanntheit stieg, allerdings nicht gleichermaßen seine Akzeptanz in der besseren Gesellschaft. Doch dann passierte etwas Entscheidendes: Ein Millionenpublikum sah Trump nicht mehr nur als schrillen New Yorker Selbstdarsteller. Es sah ihn regelmäßig in einer Rolle, in der er überlegen, erfolgreich und entscheidungsstark auftrat.
Die breite – und später entscheidende – Masse bekam über mehr als ein Jahrzehnt eine Erzählstruktur präsentiert, die immer gleich blieb und immer gleich endete:
Problem → Wettbewerb → Konflikt → Trump hört zu → Trump beurteilt → Trump entscheidet.
Zuschauer erinnerten sich Jahre später nicht nur daran, Trump aus dem Fernsehen zu kennen. Sie verbanden ihn auch mit Business-Erfahrung und Führungsfähigkeit.
Die öffentliche Wahrnehmung Trumps wandelte sich: Aus einer sehr widersprüchlichen Persönlichkeit wurde eine leicht verständliche Figur – der erfolgreiche Boss, der weiß, wer gewinnt und wer verliert.
Das Fernsehen hatte Trump nicht erfunden. Aber es hatte eine Version von Trump gebaut, die einfacher war als der echte Mensch.
Und diese Version bekam jahrelang Sendezeit. Ein entscheidender Unterschied.
Trump goes Twitter
2009 startete Trumps Twitter-Kanal zunächst als Marketinginstrument. Ab 2011 mischte der Donald zunehmend persönlich mit und erweiterte den Kanal um die typischen Trump-Mehrwerte: Meinung, Hass, Hetze, Provokation, Fake News und Politik.
Das war der Durchbruch oder der Anfang vom Ende. Je nachdem, wer die Geschichte schreibt. Trump konnte von da an direkt und ohne journalistischen Vermittler mit Millionen Menschen kommunizieren.
Also war doch Social Media schuld?
Natürlich veränderte Twitter die Spielregeln fundamental. Trump konnte seine Anhänger direkt ansprechen, Themen setzen, provozieren und die journalistische Vermittlung umgehen. Nur erklärt das noch nicht, warum ausgerechnet diese Figur anschließend zum Dauergast in der gesamten amerikanischen Medienlandschaft wurde.
Social Media konnte den harten Kern mobilisieren und die Verbreitung seiner Botschaften beschleunigen. Eine Präsidentschaft gewinnt man aber nicht allein damit, dass der eigene harte Kern noch härter wird. Die größere Frage lautet deshalb: Wie kam Trump aus seiner eigenen Kommunikationsblase in die Wohnzimmer von Menschen, die ihm auf Twitter niemals gefolgt wären?
Mit seiner Kandidatur 2015 – für die er sich vermutlich selbst kaum Chancen ausrechnete – entdeckten die Massenmedien den provozierenden Pausenclown inmitten ehrenwerter Politiker als Quotengarant und berichteten nahezu nonstop über alles, was er tat und sagte.
Dauergast in weißen, mittelständischen Wohnzimmern
Obwohl er erst seit Juni im Rennen war, hatte Trump schon im Juli mehr TV-Präsenz3) als alle anderen Kandidaten zusammen.
Und das ist nicht nur eine hübsche rückblickende These. Das Shorenstein Center der Harvard Kennedy School analysierte später die Berichterstattung großer amerikanischer Medien im Wahlkampf. Ergebnis: Die ungewöhnlich umfangreiche Berichterstattung über Trump setzte bereits ein, als seine Umfragewerte noch niedrig waren. Die Aufmerksamkeit kam also nicht einfach hinterher, weil Trump schon politisch dominant war. Sie ging seinem Aufstieg teilweise voraus.4)
Damit wird aus dem Henne-Ei-Problem zumindest ein interessantes Omelett.

Vom Schauspieler zum Präsidenten
Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Die Story kennen wir ja schon von Reagan: erfahrener Schauspieler versteht, was Medien mögen. 2015 – in einer aggressiver gewordenen Medienlandschaft – mit aggressiverem Hauptdarsteller.
Der Medienflüsterer
Trump produzierte fast täglich etwas, das nach klassischen Nachrichtenkriterien funktionierte: Neues, Überraschendes, klare Bilder, quotensteigernd gewürzt mit Konflikten, ungewöhnlichen Aussagen und einer starken, umstrittenen Persönlichkeit.
Kontroverse Bemerkungen wurden regelmäßig auch von großen Nachrichtensendern ausführlich präsentiert, in Talkshows diskutiert und – das war neu – von Trump selbst in derselben Stunde auf Twitter noch mal so aggressiv verstärkt, dass aus der ursprünglichen Meldung gleich die nächste entstand. Nachrichtenzyklen in sich selbst verstärkender Dauerschleife.
Trump provoziert → Medien berichten → Trump reagiert auf die Berichterstattung → Medien berichten über die Reaktion → Millionen Menschen sehen Trump erneut.
Aufmerksamkeit produziert Aufmerksamkeit.
Nicht nur, dass Trump und sein Team die Bedürfnisse der Medien verstanden, er machte es ihnen auch noch extrem einfach. Andere Kandidaten waren von einem Haufen Helfer umgeben, mit denen man Termine abstimmen – manchmal sogar erbetteln musste. Trump rief selbst an.
Donald Trump: Ein Quotengarant für die Medien
Heute verstehen wir, welche Fehler die Massenmedien damals gemacht haben. Und daraus können wir eine Menge lernen.
Die Ausgangssituation: Niemand nahm den Kandidaten ernst, niemand glaubte, dass er eine Chance hatte. Aber er war extrem unterhaltsam. Der damalige CNN-Chef Jeff Zucker spricht erstaunlich offen über die damaligen Fehler. CNN übertrug anfangs komplette Wahlkampfveranstaltungen live und ungefiltert. Im O-Ton sagt er später dazu: „… we did put on too many of his campaign rallies …“5)
Ya think?
2015 wurde Trump vom Kandidaten zum Dauerprogramm. Nicht weil die Sender seine Politik unterstützten, sondern weil er Nachrichten und Quote zugleich lieferte.
Konkurrent Les Moonves von CBS: „It may not be good for America, but it’s damn good for CBS.“6)
Man muss sich diesen Satz eigentlich zweimal durchlesen. Nicht gut für Amerika. Gut für CBS. Viel deutlicher lässt sich der Interessenkonflikt dieses Artikels kaum aufschreiben.
Fazit, frei nach einem leicht abgewandelten Hollywood-Klassiker: Denn sie wussten nicht, was sie tun.

Rechtsextremismus in deutschen Medien: Was haben wir gelernt?
Es gibt unzählige Bücher, die das damalige Verhalten der Medien analysieren und einordnen. Premium-Futter fürs Medienkompetenztraining.
Die Situation hat sich zwar seit 2015 stark zu Ungunsten der klassischen Medien verschoben, aber unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk scheint einen soliden Schutz vor demokratiezersetzender Berichterstattung zu bieten. Trotzdem sieht man ungefilterte Aussagen von Rechtsaußen-Kandidaten zur besten Sendezeit, und provozierende Gäste sind zum gewohnten Anblick in Talkshows geworden.
Kann es sein, dass auch unsere Medien – TV und Print bis hin zu den sogenannten Leitmedien – ein ganz klein bisschen auf Quoten achten?
Auch die Öffentlich-Rechtlichen. Sie leben vom Rundfunkbeitrag, kaum von Werbung. Die Quote brauchen sie trotzdem. Sie ist ihr Argument für den Beitrag. Eine Talkshow ohne Quote behält ihren Sendeplatz nicht lange. Der Druck ist ein anderer. Die Versuchung ist dieselbe.
Leben und leben lassen
In der Aufmerksamkeitsökonomie wird das Publikum mit so vielen Informationen überschüttet, dass die Nachrichten selbst fast wertlos werden, die Aufmerksamkeit des Publikums aber zum Maß aller Dinge. Vor allem bei der Vermarktung.
Pech für Anbieter, die ihre Ware sorgfältig und liebevoll aufbereiten. Plattformen bieten Raum für Creator, die ihre Informationen umsonst anbieten. Je mehr, desto besser. Je öfter, desto wertvoller. Je schneller, desto wichtiger.
Faktencheck? TL;DR
„Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht“
Die Quellenangabe, passend zum Thema: Nein, das ist nicht von Mark Twain. Auch wenn 95 % des Internets das immer wieder behaupten.
Laut New York Times7) stammt eine frühe bekannte Fassung, die als Ursprung gilt, von dem irischen Schriftsteller Jonathan Swift (Autor von Gullivers Reisen) aus dem Jahr 1710: „Die Lüge fliegt, und die Wahrheit kommt hinkend hinterher.“
Wir haben uns inzwischen ein bisschen damit arrangiert, dass die Aufmerksamkeitsspannen kürzer und die Geschichten flacher werden. Was zieht, sind der Hook, die Headline, die krachend laute Neuigkeit. Aber Achtung: nicht nur auf Social Media!
Klassische Medien kann man reihenweise dabei beobachten, wie sie zu Plattformen werden möchten und versuchen, eine Community um sich zu scharen. Die einst heilige Kuh „Auflage“ wird im Verkaufsgespräch gerne durch „Reichweite“ ersetzt. Klingt cooler – man ist ja auch ein Player – und lässt sich irgendwie besser verargumentieren als sinkende Verkaufszahlen.
Klingt erst mal putzig, bis man nachrechnet.
Nehmen wir eines der großen deutschen Leitmedien. Traditionshaus, Redaktion, Verlag, mehr als tausend Mitarbeitende im Konzern. Konzernumsatz 2024: rund 272 Millionen Euro.
Meta erzielte im selben Jahr umgerechnet rund 57,6 Milliarden Euro Gewinn.
Gewinn. Nicht Umsatz.
Meta braucht damit nicht einmal zwei Tage, um an Gewinn das zu erwirtschaften, was dieser gesamte deutsche Medienkonzern in einem Jahr umsetzt.
Noch härter?
Nach gut drei Stunden hat Meta dessen kompletten Jahresgewinn verdient.8)
Das soll kein Bashing sein, sondern die Augen öffnen. Wenn man sich dieses Ungleichgewicht vor Augen führt, wird die Panik in den Vertriebsabteilungen der klassischen Medien direkt spürbar. Und noch hat niemand ein Rezept, geschweige denn eine Überlebensstrategie, gefunden. Die Zahlen vergleichen ein gut und solide geführtes Flaggschiff der deutschen Verlagslandschaft mit Meta. Die Situation in kleineren Verlagen, insbesondere im Lokaljournalismus, ist tatsächlich existenzbedrohend.
Was passiert also, wenn das „kleine“ klassische Medium versucht, nach den Regeln des großen Newcomers zu spielen?
Hier wird es tatsächlich gefährlich.
Nicht, weil Redaktionen plötzlich beschließen, Extremisten großzumachen. So simpel funktioniert es natürlich nicht. Gefährlich wird es, weil sich die Anreize verändern. Wenn Reichweite knapper und Aufmerksamkeit wertvoller wird, steigt der Wert von Figuren, die zuverlässig Aufmerksamkeit erzeugen. Konflikt verkauft. Empörung klickt. Der kalkulierbare Tabubruch bringt beides.
Aufmerksamkeitsökonomie: Das Geschäftsmodell der Medien unter Druck
Um Klartext zu reden: Das Geschäftsmodell Journalismus hat nicht die Sorte Konkurrenz bekommen, die das Geschäft belebt. Dem Modell hat man den Boden unter den Füßen weggezogen, einen Stock in die Speichen gesteckt oder was einem sonst noch so an Metaphern für einen geschäftlichen Totalschaden einfällt.
Einen haben wir noch: Der Ertrinkende klammert sich panisch an alles, was er zu fassen bekommt, und zieht dabei auch Unschuldige – Bademeister, Passanten, Demokratie – mit in die Tiefe.
Zu dramatisch?
Gehen wir kurz zurück zu Jeff Zucker: „… we did put on too many of his campaign rallies …“
Und jetzt überlegen wir mal, wo wir in den letzten Monaten überall Frau Weidel und dem anderen Herrn begegnet sind.
Auf TikTok?
Als Erwachsener eher nicht.
Aber in Talkshows in Fernsehsendern – öffentlich-rechtlichen und privaten. In Tageszeitungen und Magazinen – quer durch das politische Spektrum. Über jede Bemerkung und jeden „Aufreger“ wurde berichtet.
Man vermutet die Spalter und Hetzer in der Boulevardpresse, bei den Wasserträgern der rechten Propaganda?
Weit gefehlt.
Ja, Gesprächsfetzen und provozierende Aussagen wabern durch die Springer-Blätter und genauso durch YouTube, Instagram, Facebook und TikTok. Aber es wäre zu bequem, deshalb die Verantwortung für rechte Normalisierung komplett an die Plattformen und extra-konservative Medien auszulagern. Auch die „normalen“ Medien entscheiden jeden Tag darüber, wem sie Reichweite, Wiederholung und damit Bedeutung geben.
Und inzwischen gibt es dafür sogar einen ziemlich unangenehmen empirischen Hinweis. Eine 2025 im British Journal of Political Science veröffentlichte Studie untersuchte Interviews mit rechtsextremen Akteuren in Großbritannien und Australien. Unkritische Interviews erhöhten nicht nur teilweise die Zustimmung zu extremen Aussagen. Die Zuschauer schätzten anschließend auch den gesellschaftlichen Rückhalt für diese Positionen größer ein. Kritisches Interviewen schwächte den Effekt – beseitigte ihn aber nicht vollständig.9)
Das ist ein wichtiger Unterschied zu der Behauptung, Fernsehen oder Zeitungen „machen Menschen rechtsextrem“. So einfach ist es nicht. Aber Sichtbarkeit kann beeinflussen, was Menschen für gesellschaftlich verbreitet, relevant und damit irgendwann normal halten.
Ganz ähnlich funktioniert der interessantere Teil der Trump-Geschichte: Nicht jeder Zuschauer von „The Apprentice“ wurde Trump-Fan. Aber Millionen lernten über Jahre eine Figur kennen, die immer wieder als entschlossener Geschäftsmann und Entscheider inszeniert wurde. Wiederholung ersetzt keinen Beweis. Sie hinterlässt trotzdem Spuren.

Das Spotlight-Problem: Wie Medien politische Extreme groß machen
Die Gretchenfrage, die es zu diskutieren gibt: Zeigt das Scheinwerferlicht der Medien die fiese Fratze, entlarvt es die Monster? Oder macht es aus Nebendarstellern unterhaltsame und am Ende begehrenswerte Helden?
Die bequemste Antwort wäre: Dann eben kein Spotlight. Nur wäre das weder Journalismus noch Demokratie. Eine politisch relevante Partei kann man nicht ausblenden, nur weil man ihre Positionen für gefährlich hält.
Deshalb lautet die Frage nicht: berichten oder verschweigen? Sondern: Wie berichten?
Nicht automatisch Bühne geben.
Nicht automatisch inszenieren.
Nicht ungefiltert live übertragen.
Politische Relevanz rechtfertigt Berichterstattung. Sie rechtfertigt nicht automatisch permanente Präsenz.
Diese Frage zu beantworten, fällt auch den Medien selbst schwer.
Journalistischer Auftrag?
Wegen der Quote?
Die Schlagzeile verkauft das Blatt?
Man muss informieren?
Das lässt sich nicht leicht auseinanderhalten.
Wie unabhängig ist ein Chefredakteur vom Herausgeber? Wie unbeeindruckt bleibt er von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und drohendem Personalabbau?
Dafür muss kein Chefredakteur den journalistischen Kodex in der S-Bahn vergessen. Es reicht, wenn Aufmerksamkeit Geld wert ist und bestimmte Figuren zuverlässig Aufmerksamkeit liefern.
Niemand muss sagen: „Ladet die Radikalen ein.“
Es reicht, wenn alle wissen, dass sie Quote bringen.
Genau hier liegt die eigentliche Gefahr.
Vielleicht werden wir nie eindeutig beantworten können, ob Rechtsextreme ein genauso helles Spotlight bekommen hätten, wenn es den klassischen Medien wirtschaftlich blendend ginge. Die Frage ist ohnehin fast zu einfach.
Eine andere lässt sich schwerer wegwischen: Aufmerksamkeit ist keine neutrale Ressource. Wer sie verteilt, entscheidet nicht darüber, ob jemand gut oder böse ist. Aber er entscheidet mit darüber, wen wir für relevant halten, wessen Themen wir diskutieren und welche Figuren uns so vertraut werden, dass sie irgendwann selbstverständlich zum politischen Inventar gehören.
Und wir?
Wir sitzen nicht nur im Publikum. Medien leben von unserer Aufmerksamkeit. Oder von unserem Geld. Recherche kostet. Faktencheck kostet. Empörung gibt es umsonst. Jedes Abo verschiebt diese Rechnung ein Stück. Es macht eine Redaktion unabhängiger von der Quote. Die Entscheidung nimmt es ihr nicht ab.
Medien müssen zeigen, was passiert. Natürlich.
Vielleicht sollten sie sich nur wieder häufiger fragen, ob sie gerade etwas zeigen – oder groß machen.
Quellen
1) SWR-Demokratieforum in der ARD Mediathek; https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNzYxMTY
2) Quelle: Marc Fisher, https://www.washingtonpost.com/sf/national/2016/01/27/deciders-trump/
3) https://www.ipolitics.ca/2015/07/28/donald-trumps-antics-dominate-u-s-evening-news-campaign-coverage
4) Quelle: Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy, Harvard Kennedy School, „Pre-Primary News Coverage of the 2016 Presidential Race“.
5) https://www.thecrimson.com/article/2016/10/17/jeff-zucker-cnn-iop-forum
6) https://www.thewrap.com/les-moonves-ugly-election-is-awesome-for-business
7) New York Times: https://www.nytimes.com/2017/04/26/books/famous-misquotations.html
8) Geschäftszahlen 2024: FAZIT-STIFTUNG, Konzernabschluss; Meta Platforms, Jahresergebnis 2024. Umrechnung des Meta-Gewinns zum durchschnittlichen Euro-Dollar-Kurs 2024. Zeitvergleiche auf Grundlage des durchschnittlichen Gewinns pro Stunde selbst berechnet.
9) Quelle: Diane Bolet & Florian Foos, „Media Platforming and the Normalisation of Extreme Right Views“, British Journal of Political Science, 2025.




