Dungeon Synth: Der Soundtrack zu einer Welt, die es nicht gibt. Oder vielleicht doch?

von | Okt. 23, 2026

20-seitiger Würfel (D20) mit goldenen Zahlen auf einer dunklen Holzoberfläche, beleuchtet von warmem, orangefarbenem Licht. Der Würfel erinnert an Dungeons & Dragons und die Fantasy-Welt des Dungeon Synth.
Lies das für das Allround-Erlebnis für diesen Beitrag.

Dungeon Synth ist ein Musikgenre, das irgendwo zwischen elektronischer Musik, Ambient und mittelalterlicher Fantasy angesiedelt ist. Typisch sind langsame Melodien, synthetische Flöten und Streicher, geheimnisvolle Chöre und eine Atmosphäre, die klingt, als würde gleich ein Zauberer hinter einem Baum hervorkommen. Am besten startest du direkt mal diese Playlist auf Spotify oder diese Playlist auf Youtube, um in Stimmung für diesen Beitrag zu kommen.


Du kommst nach einem langen Arbeitstag nach Hause und wirfst dich direkt aufs Sofa, nachdem du dir beim Imbiss deines Vertrauens dein Abendessen bestellt hast. Während du auf deine Pizza wartest und dir die Reels anschaust, die dir dein bester Freund geschickt hat, vernimmst du plötzlich eine Melodie, die du bisher noch nie gehört hast. Du setzt dich auf und schaust dich im Wohnzimmer um, weil du dich wunderst, woher diese Töne kommen. Plötzlich hörst du auf deinem Couchtisch ein Klackern und blickst erschrocken hin. Vor dir liegt ein seltsames Objekt, das du bisher noch nie gesehen hast: ein 20-seitiger Würfel. 

Du nimmst ihn in die Hand und machst das, was man eben mit einem Würfel macht: Würfeln. Es scheint, als wären die Glücksspiel-Götter auf deiner Seite, denn du würfelst eine 17. Nicht schlecht! Plötzlich stehst du vor einer alten, moosbewachsenen Burg. Nebel zieht über den Boden, irgendwo krächzt ein Rabe und aus der Ferne hörst du immer noch diese seltsame Melodie. Es könnten Flöten sein, vielleicht aber auch eine Orgel? 

Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Du gehst zurück in die Realität oder du machst dich bereit für ein Abenteuer und folgst der Musik. Die Entscheidung trifft der Würfel für dich. 1-10 heißt Abenteuer, 11-20 heißt Realität. Hochkonzentriert schüttelst du den Würfel in deiner Hand und lässt ihn fallen. Du versuchst den Nebel wegzuwedeln und erkennst mit großer Mühe eine 5.

Herzlichen Glückwunsch, du hast soeben erfolgreich die Burg und damit die Welt des Dungeon Synth betreten.

Neuer Gegenstand: Würfel

Schwach beleuchteter Raum mit gotischem Spitzbogenfenster und alten Steinmauern. Die geheimnisvolle Stimmung passt zur mittelalterlich inspirierten Musik des Dungeon Synth.

Level 1: Du begegnest einem seltsam gekleideten Menschen

Du läufst zögerlich durch die Burg und folgst weiter der Musik. Du irrst durch die dunklen Gänge und entdeckst nach einiger Zeit hinter einer viel zu großen und vor allem viel zu schweren Tür einen Raum, in dem sich nichts befindet, außer einer geheimnisvollen Truhe. Darin liegt weder ein Schwert noch ein wertvoller Edelstein, sondern ein More-Sirup und eine Packung AA-Batterien. Du steckst beides ein, denn wir wissen: Looten und Leveln – das muss drin sein in nem Spiel. Du verlässt den Raum und plötzlich wird die Musik noch lauter. Du nimmst all deinen Mut zusammen und läufst in die Richtung, aus der du sie vermutest.

Neuer Gegenstand: More-Sirup, AA-Batterien

Da du nicht den besten Orientierungssinn hast, hast du dich inzwischen in der Burg verlaufen und hörst fast nichts mehr von der Musik. Die Gänge werden immer enger, das Licht immer schummriger und du bist kurz vorm Verzweifeln. Aber plötzlich stehst du vor einer weiteren, viel zu großen Holztür. Darauf steht in güldenen Buchstaben: „Nicht klopfen“.

Du klopfst. Keine Antwort. Du willst die Tür trotzdem öffnen, doch sie scheint verriegelt zu sein. Das ist natürlich kein Problem für dich, denn auf dem staubigen Steinboden der Burg würfelst du gelassen eine 18. Die Tür springt auf und du betrittst den Raum.

Weisheit +5

Verdutzt schaut ein alter Mann von seinem Schreibtisch hoch und blickt dich überrascht aber freundlich an. Er ist umgeben von Landkarten, Würfeln und dicken Büchern und stellt sich dir als Dungeon Master vor. Er sagt dir, dass er beeindruckt davon ist, dass du trotz der Klopf-Warnung in seine Kammer getreten bist und den Mut hattest, dein Dungeons & Dragons-Abenteuer weiterzuführen.

Du fragst ihn, was es mit „Dungeons & Dragons“ auf sich hat und ob du jetzt Einträge in deinem polizeilichen Führungszeugnis befürchten musst. Der Dungeon Master verdreht die Augen und beginnt mit seiner Erklärung:

„Dungeons & Dragons, kurz D&D, ist eines der bekanntesten Fantasy-Rollenspiele der Welt. Es erschien erstmals 1974 und funktioniert im Grunde wie eine gemeinsam erzählte Abenteuergeschichte. Dafür sitzen mehrere Menschen an einem Tisch und schlüpfen in die Rollen selbst erfundener Figuren. Das Schöne daran: Man braucht weder einen Bildschirm noch eine aufwendige technische Ausstattung. Papier, Stifte, Würfel, ein paar Regeln und Menschen mit Fantasie reichen für den Anfang.

Bevor das Abenteuer losgeht, erstellst du zunächst deinen eigenen Charakter. Du entscheidest, welcher Fantasy-Spezies deine Figur angehört, zum Beispiel Mensch, Elf oder Zwerg, und welche Klasse sie hat. Möchtest du als mutige Kriegerin mit dem Schwert kämpfen, als Zauberer magische Sprüche wirken oder als geschickter Schurke Schlösser knacken? Außerdem legst du Eigenschaften wie Stärke, Geschicklichkeit und Intelligenz fest und überlegst dir deine eigene Hintergrundgeschichte. Vielleicht bist du ein verstoßener Prinz auf der Suche nach seinem Königreich. Vielleicht aber auch ein Zwerg, der einfach nur seine Ruhe haben möchte. Deiner Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Gemeinsam mit den anderen Spieler:innen erkundest du fantastische Welten, löst Rätsel, kämpfst gegen Monster und erlebst Abenteuer. Jede Figur von euch hat ihre eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Und wie die Geschichte ausgeht, weiß vorher niemand, auch nicht der Dungeon Master. Das ist die Person, die die Spielleitung übernimmt. Sie leitet das Abenteuer, beschreibt die Umgebung und übernimmt die Rollen aller Figuren, denen die Gruppe unterwegs begegnet. Der Dungeon Master ist sowie eine Mischung aus Erzähler, Regisseur und Schiedsrichter.

Ich könnte dir zum Beispiel erzählen, dass du vor einer verschlossenen Tür stehst, hinter der ein gefährlicher Drache lauert. Was du jetzt machst, entscheidest du selbst. Versuchst du, die Tür heimlich zu öffnen? Suchst du nach einem anderen Eingang? Oder stürmst du einfach hinein und hoffst auf das Beste? Bei deiner Entscheidung gibt es keine vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Du kannst dir praktisch alles ausdenken. Ob dein Plan funktioniert, entscheiden die Spielregeln und das gute alte Würfelglück.

Hier kommt dann der berühmte zwanzigseitige Würfel ins Spiel, den du ja schon kennengelernt hast. Immer wenn du etwas Schwieriges oder Riskantes versuchst, kann dich der Dungeon Master würfeln lassen. Je höher die gewürfelte Zahl, desto besser stehen deine Chancen, dass deine Aktion funktioniert. Willst du beispielsweise an einer Wache vorbeischleichen, musst du mit deinem Würfelergebnis eine bestimmte Zahl erreichen. Schaffst du das, bleibst du unbemerkt. Wenn nicht, könnte die Wache dich entdecken und dein Abenteuer nimmt eine unerwartete Wendung.

Bei einem Angriff gelten besondere Regeln: Würfelst du eine 20, landest du einen sogenannten kritischen Treffer, der besonders viel Schaden verursachen kann. Bei einer 1 verfehlst du dein Ziel automatisch. Ob du dich dabei auch noch spektakulär auf die Nase legst, hängt davon ab, wie viel Humor deine Spielrunde hat.

Das Besondere an D&D ist also, dass ihr die Geschichte gemeinsam erschafft. Es gibt keinen festgelegten Weg und nicht unbedingt Gewinner oder Verlierer. Manchmal besiegt ihr einen mächtigen Drachen, manchmal verbringt ihr eine halbe Stunde damit, mit einem betrunkenen Wirt über den Preis eines Zimmers zu verhandeln. Und manchmal entwickelt sich aus einer völlig bescheuerten Idee das beste Abenteuer des Abends.“

Intelligenz +10

 „Das klingt ziemlich cool, aber das erklärt noch nicht, wieso ich die ganze Zeit diese komische Musik höre“, sagst du. Der Dungeon Master deutet auf einen kleinen Synthesizer in der Ecke des Raumes und erklärt dir:

„Diese wohltuenden Klänge, die du vernimmst, nennen wir Dungeon Synth. Der Name des Genres ist ziemlich selbsterklärend: „Dungeon“ bedeutet Verlies oder Kerker, „Synth“ steht für Synthesizer. Zusammen ergibt das eine Musikrichtung, die sich anhört, als hätte jemand vor 500 Jahren tief unter einer Burg die Möglichkeit gefunden, mittelalterliche Klänge über einen Schmalband-Anschluss ins 21. Jahrhundert zu senden.

Im Gegensatz zu Popmusik geht es hier weniger um eingängige Refrains, Gesang oder den nächsten großen Beat Drop. Dungeon Synth nimmt sich Zeit. Melodien wiederholen sich, Klanglandschaften entwickeln sich langsam und manchmal passiert minutenlang erstaunlich wenig. Zumindest musikalisch. In deinem Kopf kannst du dafür aber währenddessen ganze Königreiche erobern.

Das Genre ist überwiegend instrumental und lebt davon, dass die Musik Bilder entstehen lässt. Mal klingt Dungeon Synth düster und bedrohlich, mal melancholisch, mal überraschend gemütlich. Denn nicht jedes Fantasy-Abenteuer muss Drachenkämpfe beinhalten. Manchmal möchte man auch einfach nur in einer Taverne sitzen und eine Suppe essen. Bitte, probiere es aus!“

Hände spielen auf einem kleinen Synthesizer, umgeben von elektronischen Musikgeräten auf einem Holztisch. Synthesizer prägen den atmosphärischen Klang des Dungeon Synth.

Level 3: Sackpfeife, Scheitholt, Synthesizer

Du nimmst all deinen Mut zusammen, näherst dich dem Synthesizer und betätigst eine Taste. Es erklingt… nichts. Klar, es gibt ja auch keinen Strom. Dann fällt dir ein, dass du vohin in der Kiste ein paar Batterien gefunden hast. Also wühlst du in deiner Tasche, schmeißt den More-Sirup weg und holst die Batterien raus. Siehe da: Sie passen!

Ein ziemlich schräger Flötenton hallt durch den Raum. Du drückst ein paar weitere Tasten und mit jeder weiteren klingt es so, als würde ein mittelalterliches Orchester versuchen, durch ein kaputtes Telefon zu musizieren. Du bist begeistert, die Ratten in der Ecke des Raums offenbar weniger.

Was du gerade entdeckt hast, ist eines der wichtigsten Merkmale von Dungeon Synth: Der Sound muss nicht perfekt sein. Im Gegenteil. Gerade die künstlichen Klänge alter Keyboards machen für viele den besonderen Reiz des Genres aus. Synthetische Flöten, Streicher und Chöre treffen auf einfache, sich wiederholende Melodien und jede Menge Hall. Heraus kommt Musik, die gleichzeitig geheimnisvoll, nostalgisch und manchmal ein bisschen schräg klingt.

Das erinnert nicht zufällig an die Soundtracks alter Computerspiele. Auch dort mussten Komponist:innen früher mit begrenzten technischen Möglichkeiten auskommen. Statt echter Orchester gab es elektronische Klänge, mit denen trotzdem ganze Fantasy-Welten zum Leben erweckt wurden. Besonders neuere Dungeon-Synth-Projekte greifen diese Ästhetik gerne auf.

Dabei geht es weniger darum, ein möglichst realistisches mittelalterliches Orchester nachzuahmen. Vielmehr entsteht mit wenigen Mitteln eine ganz eigene Atmosphäre. Manchmal reichen schon wenige Akkorde, um das Gefühl zu vermitteln, durch einen verwunschenen Wald zu wandern.

Du spielst deine erste eigene Komposition zu Ende und der Dungeon Master ist den Tränen nahe, weil es so schön war. Er überreicht dir einen vollgepackten Beutel und schickt dich mit den Worten „Folge den Stufen, die kein Sonnenstrahl je geküsst hat“ zurück auf dein Abenteuer.

Fantasie +4

Intelligenz +10

Neuer Gegenstand: Trockenes Heu, Box mit rostigen Nägeln, Schwacher Heiltrank

Level 4: Du findest eine Zeitmaschine und den Ursprung des Dungeon Synth

Du läufst hinaus aus dem Zimmer des Dungeon Masters, vorbei an diversen Ritterrüstungen und geradewegs hinab in den Keller der Burg. Der Dungeon Master hätte sich schon auch ein schwierigeres Rätsel ausdenken können, aber na ja. Dort stehst du plötzlich vor einer eingestaubten Zeitmaschine. Du betrittst sie und würfelst eine 7. Daher wirst du zwar ordentlich durchgeschüttelt und stößt dir mehrfach den Kopf, aber immerhin landest du lebend irgendwo in Norwegen.

Stärke -3

Du trinkst den schwachen Heiltrank, den du vom Dungeon Master bekommen hast.

Stärke +2

Statt Drachen und Zauberern begegnest du in Norwegen einer Gruppe von Musikern mit langen Haaren, schwarzen Klamotten und einer ausgeprägten Vorliebe für düstere Klänge. Die Kollegen haben keine Lust auf ein ausgiebiges Gespräch, wissen aber ganz genau, weswegen du bei ihnen bist. Daher machen sie es kurz und drücken dir einen Info-Flyer in die Hand, auf dem du die folgenden Zeilen liest:

Willkommen bei den musikalischen Wurzeln des Dungeon Synth.

In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren prägte besonders die norwegische Black-Metal-Szene den frühen Sound. Während dort eigentlich verzerrte Gitarren, schnelle Schlagzeuge und düsterer Gesang dominierten, experimentierten einige Musiker mit Synthesizern und atmosphärischen Keyboardstücken herum.

Einer der wichtigsten Wegbereiter war der Norweger Mortiis, ehemaliger Bassist der Black-Metal-Band Emperor. Er ließ sich unter anderem von deutschen Elektronik-Pionieren wie Tangerine Dream und Klaus Schulze inspirieren. 1993 veröffentlichte er seine erste Demokassette The Song of a Long Forgotten Ghost. 1994 folgte Født til å Herske. Statt Gitarrengewitter gab es lange Keyboardmelodien, künstliche Chöre und musikalische Ausflüge in fantastische Welten. Mit seiner Musik prägte Mortiis einen Sound, der später als Dungeon Synth bekannt werden sollte.

Denn damals hieß das Ganze noch gar nicht so. Erst 2011 etablierte der Blogger Andrew Werdna die Bezeichnung Dungeon Synth, indem er ältere Aufnahmen unter diesem Namen vorstellte. Was zuvor vor allem eine kleine musikalische Nische gewesen war, bekam damit eine gemeinsame Bezeichnung.

In den folgenden Jahren entdeckten immer mehr Musiker:innen das Genre für sich. Plattformen wie Bandcamp machten es dann auch noch möglich, Musik unabhängig zu veröffentlichen und weltweit Gleichgesinnte zu erreichen. Und so bekamen sowohl verfallene Burgen und unheimliche Wälder als auch verschneite Landschaften und gemütliche Tavernen einen eigenen Soundtrack.

Ein wichtiger Name dieses Genres ist Erang. Der französische Musiker veröffentlichte 2012 sein erstes Album Tome I und trug damit zur Wiederbelebung des Genres bei. Seine Musik ist stark von Kindheitserinnerungen, Fantasy-Büchern und alten Rollenspielen inspiriert. Er erschuf sogar sein eigenes imaginäres Königreich, das Land of the Five Seasons, in dem seine musikalischen Geschichten spielen.

Heute ist Dungeon Synth vielfältiger denn je. Von düsterem Dark Ambient über mittelalterlich inspirierte Melodien bis hin zu Klängen, die an alte Videospiele erinnern, ist alles dabei. Hauptsache, die Musik nimmt dich mit an einen Ort, den es eigentlich gar nicht gibt.

Gerade als du fertig mit Lesen bist und dich darüber freust, dass der Flyer nicht mit KI erstellt wurde, beginnt deine Zeitmaschine zu piepen. Auf einem Display erscheint eine Warnung: „Automatische Rückkehr zum Ausgangspunkt in 10 Sekunden. 9. 8. 7. 6. 5…“

Du schaffst es gerade noch, einzusteigen, bevor dich die Maschine erneut durch Raum und Zeit schleudert. Mit einem lauten Knall landest du wieder auf deinem Sofa. Die Zeitmaschine gibt ein letztes, langgezogenes Piepen von sich und verabschiedet sich mit einer kleinen Rauchwolke von dir. Dann klingelt es an der Tür:

Deine Pizza ist da.


Chrissy Kalla
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