Es gibt so ein paar Dinge, die man sich immer wieder vornimmt, aber dann doch irgendwie nie macht: Endlich wieder regelmäßig Sport treiben, eine neue Sprache lernen, häufiger ein Buch in die Hand nehmen oder sich mal wieder einem Hobby widmen, das man irgendwann zwischen Schule, Studium und Erwerbsarbeit aufgegeben hat. Bei mir war das unter anderem das Zeichnen.
Eigentlich habe ich schon immer gerne gezeichnet, aber wie das mit vielen Hobbys so ist, verliert man sie irgendwann aus den Augen. Nicht unbedingt, weil man keine Freude mehr daran hat, sondern weil ständig irgendetwas anderes wichtiger erscheint. Und wenn man doch mal Zeit übrig hat, landet man dann doch irgendwie relativ häufig auf dem Sofa und scrollt durch Instagram. Ups.
Zum Glück gibt es Menschen, die einem gelegentlich einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben. In meinem Fall war das mein Kollege Tom (von dem ihr vielleicht schon den einen oder anderen Beitrag gelesen habt). Als wir am 1. Oktober für ein subzeroes EDU-Interview vor der Naxoshalle standen, erzählte er mir vom Inktober: einer Challenge, bei der man im Oktober jeden Tag eine Zeichnung anfertigt. Klingt ja erst mal ganz nett: Einfach mal wieder ein bisschen kreativ werden, vielleicht ein schönes Notizbuch kaufen, ein paar lustige Dinge zeichnen. Alles ganz entspannt. Was soll schon schiefgehen?
Nun ja, zwischen der Vorstellung, jeden Tag was Kleines zu kritzeln und der tatsächlichen Umsetzung liegen offenbar ziemlich viele Abende, an denen man eigentlich überhaupt keine Lust hat, noch irgendetwas Produktives zu machen. Trotzdem befinde ich mich heute, am 30. Oktober, am vorletzten Tag meines kleinen Zeichenprojekts und kann stolz behaupten: Ich hab den Inktober bisher komplett durchgezogen und nicht nur einige Zeichnungen, sondern auch ein paar Erkenntnisse gesammelt.
Inktober: Was hat es mit der Zeichen-Challenge auf sich?
Die Idee hinter der Inktober-Challenge ist ziemlich einfach: Man nehme das englische Wort „Ink“ für Tinte, kombiniere es mit „October“ und schon bringt man einen ganzen Monat lang Menschen auf der ganzen Welt dazu, kreativ zu sein.
Ins Leben gerufen wurde der Inktober 2009 vom US-amerikanischen Illustrator Jake Parker. Der wollte damals vor allem eines: seine Fähigkeiten im Zeichnen verbessern und sich angewöhnen, regelmäßig zu üben. Also nahm er sich vor, im Oktober jeden Tag eine Zeichnung anzufertigen.
Aus diesem persönlichen Vorhaben entwickelte sich über die Jahre eine internationale Kreativ-Challenge, an der mittlerweile jedes Jahr Tausende Menschen teilnehmen. Seit 2016 gibt es jedes Jahr eine neue offizielle Liste mit 31 Begriffen, die als Inspiration für die einzelnen Tage dienen. Das können ganz alltägliche Dinge sein, aber auch ziemlich abstrakte Begriffe, bei denen man erst einmal eine Weile überlegen muss, was man überhaupt zu Papier bringen möchte.
Das Schöne daran ist, dass alle Teilnehmenden dieselbe Ausgangsidee auf völlig unterschiedliche Weise interpretieren können. Während die eine Person vielleicht eine aufwendige Illustration anfertigt, zeichnet die nächste nur eine kleine Figur oder eine minimalistische Skizze.
Du musst übrigens weder besonders gut zeichnen können noch irgendwelche teuren Materialien besitzen, um am Inktober teilzunehmen. Ein Kugelschreiber und ein Blatt Papier reichen vollkommen aus. Und auch die offizielle Liste ist keine Pflicht. Du kannst dir eigene Themen ausdenken, die Reihenfolge verändern oder dich einfach jeden Tag von deiner Umgebung inspirieren lassen.
Und auch das Zeichnen an 31 Tagen ist kein unumstößliches Gesetz. Wer lieber jeden zweiten Tag oder nur einmal pro Woche zeichnet, darf laut den offiziellen Regeln ebenfalls mitmachen. Es geht schließlich nicht darum, einen Wettbewerb zu gewinnen, sondern darum, die eigene Kreativität zu fördern. Wobei es natürlich immer eine Ehre ist, auf dem offiziellen Inktober-Account gefeatured zu werden…

Wie lange dauert es, bis aus einer Idee eine Gewohnheit wird?
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich neige gelegentlich dazu, vollkommen zu überschätzen, wie viel Energie mein zukünftiges Ich haben wird. Wenn ich mir sonntags vornehme, in der kommenden Woche jeden Tag Sport zu machen, gesund zu kochen, meine Masterthesis zu schreiben und nebenbei noch ein neues Hobby anzufangen, klingt das in meinem Kopf immer nach einem absolut realistischen Plan.
Montags sieht die Welt dann meistens aber ganz anders aus.
Beim Inktober verhält es sich ähnlich. Denn natürlich macht es Spaß, sich am ersten Tag mit einem neuen Notizbuch an den Schreibtisch zu setzen. Vielleicht läuft im Hintergrund ein bisschen Dungeon Synth, man hat sich einen Tee gemacht und fühlt sich für einen kurzen Moment wie eine dieser beneidenswert organisierten Personen aus den „My morning routine“-Vlogs.
Das Problem ist dabei nur, dass der Oktober nicht ausschließlich aus gemütlichen Sonntagnachmittagen ohne Termine besteht. Natürlich kommt bei einem solchen Vorhaben hier und da auch mal der ganz normale Alltag dazwischen: Man muss sich um den Haushalt kümmern, zockt bis spät in die Nacht Overcooked mit Freund:innen, ist nach der Hyposensibilisierung aus dem Leben gescheppert oder möchte nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach nur chillen. So wird aus dem Zeichnen, einer eigentlich schönen Freizeitbeschäftigung, schnell ein weiterer Punkt auf einer ohnehin schon ziemlich langen To-do-Liste.
An vielen Tagen, an denen ich nicht so motiviert war zu zeichnen, kam mir die Frage in den Sinn, wie lange es dauert, bis aus einem „ich muss jetzt noch was malen…“ ein intrinsisches Bedürfnis wird, über das ich nicht weiter nachdenken muss. Wäre ja toll, wenn ich ganz automatisiert zum Stift greifen würde, um irgendwas aufs Papier zu bringen. Eine halbwegs zufriedenstellende Antwort auf meine Frage habe ich tatsächlich gefunden:
Ein Forschungsteam des University College London untersuchte, wie lange Menschen brauchen, um sich neue Verhaltensweisen anzugewöhnen. Für die 2010 im European Journal of Social Psychology veröffentlichte Studie sollten 96 Teilnehmende über zwölf Wochen hinweg täglich eine selbst gewählte Handlung ausführen, beispielsweise ein Glas Wasser zum Mittagessen trinken oder sich regelmäßig bewegen.
Anschließend wurde untersucht, wie lange es dauerte, bis sich diese Handlungen zunehmend automatisch anfühlten, man also nicht mehr jedes Mal bewusst darüber nachdenken musste. Das Ergebnis: Bei den untersuchten Personen, für die sich der Gewöhnungsprozess entsprechend modellieren ließ, lag der mittlere Wert bei 66 Tagen. Allerdings gab es erhebliche Unterschiede. Manche Verhaltensweisen wurden bereits nach 18 Tagen weitgehend automatisch ausgeführt, andere benötigten bis zu 254 Tage.
Eine feste Zahl, nach der unser Gehirn plötzlich beschließt, dass eine Tätigkeit ab sofort zum Alltag gehört, gibt es also nicht. Wie schnell wir uns ein Verhalten angewöhnen, hängt unter anderem davon ab, was wir tun und wie regelmäßig wir es wiederholen. Wer eine Handlung dabei einmal ausfallen ließ, musste aber nicht direkt wieder bei null anfangen. Gewohnheiten entstehen demnach also durch Wiederholung und nicht durch eine perfekte Erfolgsserie. Nimm das, Duolingo Streak!
Eine kleine Liebeserklärung an Notizbücher
Wie großartig sind eigentlich Notizbücher? Oder Journals, Tagebücher, Skizzenbücher oder wie auch immer du den Ort nennst, an dem du regelmäßig dein Gehirn ausleerst.
Sie sammeln unsere Ideen, Gedanken, Beobachtungen und Zeichnungen und halten sie auf eine Weise fest, die es so kein zweites Mal gibt. Wenn zehn Menschen am 1. Oktober das gleiche Notizbuch kaufen, die gleichen Stifte benutzen und sich an derselben Themenliste orientieren, halten sie am Ende trotzdem zehn völlig unterschiedliche Ergebnisse in den Händen.
Wie unterschiedlich diese ausfallen können, zeigt sich wunderbar, wenn man sich auf Instagram durch den Hashtag #inktober scrollt. Da wird aus demselben Stichwort mal eine detailverliebte Illustration, mal eine abstrakte Zeichnung und mal eine kleine, ziemlich schräge Figur. Es gibt eben keine allgemeingültige Antwort darauf, wie ein bestimmtes Motiv auszusehen hat, und auch keine perfekte Lösung, die alle möglichst genau reproduzieren müssen. Jede Person bringt ihre eigenen Erfahrungen, Vorlieben, Fähigkeiten und Ideen mit aufs Papier.
Und wahrscheinlich sind viele der Zeichnungen in den Notizbüchern der Inktober-Teilnehmenden schief und krumm, unordentlich, zusammenhangslos und ganz generell ziemlich unperfekt. Aber genau das macht sie doch so interessant. Denn wer mit einem Stift auf Papier schreibt oder zeichnet, muss damit leben, dass nicht jede Entscheidung rückgängig gemacht werden kann. Eine Linie, die nicht ganz gerade geworden ist, ein merkwürdiges Größenverhältnis oder ein Schatten an einer Stelle, an der eigentlich gar keiner sein sollte, gehören plötzlich zum Gesamtwerk. Und dass ich beim Versuch, meine Fehler wegzuradieren, regelmäßig das Papier meines Notizbuchs einreiße, ist mittlerweile auch eine Tatsache, mit der ich mich abgefunden habe.
Natürlich könnte ich die vermeintlich misslungenen Seiten einfach herausreißen und von vorne anfangen. Aber irgendwie wäre das doch ziemlich schade. Schließlich erzählt jede Seite etwas über die Ideen, die ich ausprobiert habe, woran ich gescheitert bin und was vielleicht beim nächsten Versuch schon ein bisschen besser funktioniert hat. Wenn ich durch mein Notizbuch blättere, sehe ich nicht nur eine Sammlung einzelner Bilder, sondern auch meine eigene Entwicklung.

Der Oktober ist fast vorbei. Und jetzt?
Falls du jetzt denkst: „Klingt gut, da mache ich nächstes Jahr auch mit!“, habe ich gute Nachrichten für dich: Du musst nicht erst elf Monate warten, um zum Stift zu greifen. Ja, der Oktober ist namensgebend für die Challenge, aber die Idee dahinter funktioniert genauso gut an den übrigen 334 Tagen des Jahres.
Du kannst dich beispielsweise an den Themenlisten der vergangenen Jahre orientieren, dir eigene Begriffe überlegen oder einfach zeichnen, was dir gerade in den Sinn kommt. Oder, jetzt kommt ein ganz verrückter Vorschlag: Such dir doch einen unserer Beiträge auf subzeroes.com aus und versuche, das Thema zeichnerisch umzusetzen. Von gesellschaftlichen Utopien über wissenschaftliche Entdeckungen bis hin zu den Absurditäten des Alltags gibt es schließlich mehr als genug Inspiration. Und wenn du Lust hast, schick uns dein Ergebnis! Wir würden uns freuen zu sehen, welche Bilder unsere Artikel in deinem Kopf entstehen lassen.
Was ich damit eigentlich sagen möchte: Du brauchst weder einen offiziellen Startschuss noch eine besonders ausgefallene Idee, um kreativ zu werden. Und du musst dafür nicht einmal zeichnen. Vielleicht gibt es ja auch ein ganz anderes Hobby, das du schon länger wieder aufgreifen möchtest, aber bisher immer auf irgendwann verschoben hast. Warum also nicht einfach heute damit anfangen?
Mein Tipp nach inzwischen 28 Tagen: Mach es dir dabei nicht unnötig kompliziert. Du brauchst keine ausgefeilte Morgenroutine, keine perfekt eingerichtete Kreativecke und auch keine ambitionierten Ziele. Und wenn du zwischendurch einen Tag aussetzt, ist das ebenfalls kein Weltuntergang. Schließlich soll dein Hobby Spaß machen und nicht zur nächsten Verpflichtung werden, wegen der du ein schlechtes Gewissen bekommst.
Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es ab dem 01.11. weitergeht. Vielleicht werde ich auch im November regelmäßig zeichnen, vielleicht verschwindet mein Notizbuch aber auch erst einmal wieder für ein paar Wochen in der Schublade. Aber selbst dann hätte sich das Ganze gelohnt. Denn in den vergangenen Wochen habe ich nicht nur ein ziemlich individuelles Notizbuch gefüllt, sondern vor allem ein Hobby wiederentdeckt, das mir schon immer Freude bereitet hat.
In diesem Sinne: Danke für den Anstoß, Tom! Und vielleicht konnte ich ja mit diesem Artikel auch jemanden dazu bringen, mal wieder zum Stift zu greifen.




