Beim Bäcker läuft Musik. Du kennst den Song.
Fairerweise muss man sagen: Du liebst ihn. Taylor Swift – Love Story. Für einen Moment willst du mitsingen. Dann fällt dir aber ein, dass du ein 24-jähriger Mann in der Öffentlichkeit bist. Du trägst ein nonchalantes Outfit, über das du dir viel zu lange Gedanken gemacht hast. Um dich herum stehen Leute, die Brötchen kaufen wollen. In deinem Kopf sitzen sie in einer Jury. Das ist dir natürlich egal. Wäre cringe, wenn dich das kümmern würde.
Was dir nicht egal ist, ist die Bäckereifachverkäuferin. Schließlich kommst du nicht jeden Tag wegen des mittelmäßigen Kaffees hierher. Jedenfalls wird hier jetzt nicht Taylor Swift mitgesungen. Gestern hast du schon ordentlich Aurapunkte verloren, weil du ihr zurückgewunken hast – obwohl sie gar nicht dir gewunken hat. Aua. Das können wir uns kein weiteres Mal leisten.
Am liebsten würde sie den Song auch mitgrölen.
Immerhin ist es ihr iPhone, das da mit der Musikanlage verbunden ist. Aber definitiv nicht jetzt, wo dieser Typ da ist, der hier jeden Tag auf die nonchalanteste Art schlechten Kaffee bestellt. Wie würde sie denn dann auf ihn wirken? Lieber mysteriös bleiben und kein Interesse an irgendwas zeigen. Das wirkt immer. Haben wir auf TikTok gelernt.
So stehen die beiden da. Der Song läuft, keiner singt.
Bloß nicht erkennen lassen, dass einen etwas berührt.
Was verlieren wir, wenn uns niemand ansehen darf, dass uns etwas wichtig ist? Und was könnten wir gewinnen, wenn wir uns ein bisschen weniger zusammenreißen?
Was bedeutet nonchalant?
Nonchalant bedeutet gelassen, lässig oder unbekümmert. Erst mal eine angenehme Sache. Nicht jede Kritik muss dir den Tag ruinieren, nicht jedes falsche Zurückwinken eine schlaflose Nacht bescheren.
Nur: Bist du wirklich entspannt? Oder kostet es dich ziemlich viel Anstrengung, so auszusehen?
Der Unterschied zeigt sich, wenn dir etwas wichtig ist. Du kannst gelassen sein und dich trotzdem freuen, jemanden mögen oder Taylor Swift feiern. Schwierig wird es, wenn du all das verstecken musst, um deine Coolness nicht zu gefährden.
Die Nonchalant-Epidemie: Wenn Ungezwungenheit zur Pose wird
Coolness hat eine merkwürdige Regel: Du sollst gut ankommen, aber bloß nicht so wirken, als würdest du gut ankommen wollen. Also gibst du dir Mühe, dir keine Mühe anmerken zu lassen.
Du formulierst eine Nachricht dreimal um, bis sie spontan klingt. Überlegst dir ein Outfit, das aussieht, als hättest du einfach irgendwas gegriffen. Und prüfst beim Erzählen, ob du gerade ein bisschen zu begeistert bist.
Ganz schön viel Beschäftigung mit der Meinung anderer für jemanden, dem die Meinung anderer egal ist.
Dabei kann ausgerechnet das verschwinden, was dich interessant macht: das ungewöhnliche Hobby, die enthusiastische Geschichte, die Begeisterung für einen Song, den du längst auswendig kennst. Du bist immer noch du. Nur bekommen die anderen weniger davon mit.
Die Frage ist dann nicht mehr: Worauf habe ich Lust? Sondern: Wie sieht es aus, wenn ich darauf Lust habe?
Warum Social Media gespielte Gleichgültigkeit verstärken kann
Auf Social Media lässt sich diese Haltung in wenigen Sekunden vorführen: ein kontrollierter Blick, eine lässige Bewegung, genau der richtige Moment. Wie viel Übung oder Auswahl dahintersteckt, sehen wir nicht.
Wir sehen, wie jemand aussieht, dem angeblich alles egal ist. Ob dieser Person tatsächlich alles egal ist, wissen wir nicht. Vielleicht war es der zwölfte Versuch, so beiläufig in die Kamera zu schauen. Ganz schön viel Aufwand für „juckt mich nicht“.
Wenn wir solche Bilder und Videos zum Maßstab machen, braucht es irgendwann die Kamera gar nicht mehr. Du willst jemandem schreiben und löschst das Ausrufezeichen wieder. Zu begeistert. Du hattest ein richtig gutes Date, wartest aber mit der Nachricht. Zu interessiert. Du erzählst von deinem Lieblingsfilm und merkst mitten im Satz, dass du seit drei Minuten ohne Pause redest. Schnell noch ein „Aber ist auch irgendwie trash“ hinterher.
Begeisterung gezeigt, Begeisterung vorsichtshalber wieder eingesammelt.
Wie viele Aurapunkte kostet ein Gefühl?
Aurapunkte sind dabei die imaginäre Währung deiner Außenwirkung. Souverän geblieben? Pluspunkte. Jemandem gewunken, der eine andere Person meinte? Minus. Auramaxxing heißt in dieser Logik: möglichst viel von dieser bewundernswerten Ausstrahlung sammeln. Selbst dein lässiges Auftreten hat jetzt einen Punktestand.
Als Witz funktioniert das ziemlich gut. Das falsche Zurückwinken tut schließlich wirklich kurz weh. Schwierig wird es, wenn wir anfangen, den Witz als Anleitung zu benutzen.
Dann ist ein peinlicher Moment plötzlich ein vermeintlicher Beweis dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt. Dabei hast du nur eine Hand gehoben. Niemand muss deshalb deine gesamte Persönlichkeit neu begutachten. Du selbst übrigens auch nicht.
Was uns die Coolness kostet
Zurück zur Bäckerei. Er singt nicht. Sie singt nicht. Beide bekommen ihren Morgen ohne besonderen Zwischenfall hinter sich. Nur erfährt keiner, dass der andere gerade denselben Song feiert.
Ey, am Ende wäre daraus vielleicht nichts geworden. Vielleicht ein Lachen. Vielleicht ein Gespräch, das über „Mit Karte, bitte“ hinausgeht. Die große Liebesgeschichte muss man hier gar nicht herbeischreiben. Schon der kleine gemeinsame Moment hätte gereicht.
Genau darin liegt der Verlust: Wer Interesse zuverlässig versteckt, macht es anderen schwer, darauf zu reagieren. Woher sollen sie wissen, dass wir reden, bleiben oder uns wiedersehen wollen?
Natürlich schulden wir niemandem Einblick in jedes Gefühl. Manchmal sind wir still, weil wir still sein möchten. Manchmal interessiert uns etwas tatsächlich nicht. Aber es lohnt sich, kurz zu prüfen: Will ich gerade meine Ruhe? Oder will ich unbedingt wie jemand wirken, der seine Ruhe will?

Sei cringe, sei frei
Du musst deshalb morgen weder im Bus singen noch deinem Date eine Minute nach dem Treffen einen dreiseitigen Gefühlsbericht schicken. Es reicht vielleicht, das Ausrufezeichen stehen zu lassen. Zu sagen, dass der Abend schön war. Eine Geschichte fertig zu erzählen, ohne dich für deine Begeisterung zu entschuldigen.
Und wenn es kurz peinlich wird? Darf es das sein. Du musst daraus nicht gleich ein Urteil über dich machen. Vielleicht war es einfach nur kurz peinlich. Vielleicht war es das von außen betrachtet nicht einmal.
Beim nächsten Bäckerbesuch läuft vielleicht wieder Taylor Swift. Du wippst im Takt und bewegst die Lippen mit. Sie sieht es und grinst.
„Stabiler Song“, sagst du.
„Sehr stabiler Song“, sagt sie.
Der Kaffee schmeckt heute besser. Morgen kommst du wieder.




