WoW forever: Ein bisschen mehr Verspieltheit, bitte!

von | Nov. 6, 2026

Ein bogenförmiger Spiegel steht auf einer grünen, mit Gänseblümchen übersäten Wiese und reflektiert den Himmel. Ein Beispiel für die verträumte Ästhetik von „WoW forever – World of Whimsy“.

Diese Woche ist WoW: Forever gestartet und in meinem Freundeskreis ist das ein ziemlich großes Thema. Manche haben sich sogar Urlaub genommen und weltweit treffen wahrscheinlich Menschen Vorbereitungsmaßnahmen, wie sie zum Beispiel in diesem Video beschrieben werden. Für alle, die mit der Abkürzung WoW nichts anfangen können: Die Rede ist von World of Warcraft und damit von einem der bekanntesten OnlineRollenspiele der Welt. Seit 2004 erkunden Spieler:innen darin eine riesige Fantasy-Welt, erfüllen Quests, kämpfen gegen Monster und erleben gemeinsam Abenteuer. Vielleicht ist dir beim Einkaufen an der Kasse schon mal zwischen ChatGPT- und Amorelie-Gutscheinkarten eine von diesem Spiel aufgefallen.

Ich muss an dieser Stelle aber gleich etwas gestehen: Ich bin eigentlich die Falsche, um über WoW zu schreiben. Ich habe zwar selbst schon unzählige Stunden in Azeroth verbracht, weil ich meinem großen Bruder beim Zocken zugeschaut habe, aber so richtig warm geworden bin ich mit WoW nie. Wahrscheinlich hatte ich mit 10 Jahren einfach zu viel Schiss vor den komischen Figuren, die in der Welt herumspazieren. Aber eigentlich soll es heute auch gar nicht um Computerspiele gehen, sondern um eine etwas andere Art von WoW.

Eine orangefarbene Katze sitzt hinter einem World-of-Warcraft-Spielhandbuch. Das bekannte Fantasy-Rollenspiel liefert die Inspiration für das Wortspiel „WoW forever“.

WoW forever – World of Whimsy forever

Falls du dich jetzt nach dem Nerd-Gelaber fragst, was zur Brennenden Legion bitteschön Whimsy sein soll, können wir dir auch dabei mit einer kleinen Definition behilflich sein: Der Begriff lässt sich ungefähr mit Verspieltheit, Fantasie, Launenhaftigkeit oder einer gewissen Schrulligkeit übersetzen. Gemeint ist damit also diese besondere Freude an Dingen, die vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, albern oder vollkommen unnötig sind, aber genau deshalb das Leben schöner machen.

Whimsy ist zum Beispiel, wenn du dir beim Spazierengehen einen Stein findest und er bei dir Zuhause einen besonderen Platz bekommt. Whimsy ist auch, wenn du deinen Zimmerpflanzen Namen gibst, dich für einen gewöhnlichen Dienstag im Homeoffice besonders schick machst oder deine Einkäufe nicht in einem Jutebeutel, sondern in einem Weidekorb transportierst, weil du dich damit ein bisschen wie die Hauptfigur eines Märchens fühlst. Whimsy zu sein bedeutet also, sich von Kleinigkeiten begeistern zu lassen, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und auch als erwachsener Mensch gelegentlich Dinge zu tun, die absolut keinen tieferen Sinn ergeben.

Denn wann hast du eigentlich zuletzt etwas gemacht, das absolut keinen Zweck hatte, außer dir Freude zu bereiten? Für Kinder ist das gefühlt irgendwie einfacher. Kinder denken sich Geschichten aus, sammeln merkwürdige Gegenstände, erfinden Spiele und verbringen glückliche Stunden mit Dingen, die Erwachsene gern „Zeitverschwendung“ nennen. Irgendwann scheinen wir also zwischen Grundschule und dem ersten mal heimlich Rauchen hinter der Schulsporthalle gelernt zu haben: Zeit muss sinnvoll und effizient genutzt werden, um am Ende ein präsentierbares Ergebnis zu liefern.

Und so wird also nach und nach aus dem Hobby ein Nebenverdienst, aus dem Spaziergang ein zu erfüllendes Schrittziel und aus entspanntem Schmökern die Challenge, in einem Jahr mindestens 50 Bücher zu reviewen. Wir merken also: unsere Freizeit hat gefälligst produktiv zu sein. Whimsicality schafft es, dass wir unseren Alltag in ein neues Licht rücken, indem wir uns eine einfache Frage stellen:

Was wäre, wenn wir manche Dinge einfach nur machen, weil sie Spaß machen?

Du könntest ein Bild malen, obwohl du denkst, nicht zeichnen zu können. Du könntest auch eine Party mit völlig übertriebenem Motto schmeißen. Einen Spieleabend organisieren, bei dem niemand gewinnen muss. Oder sich bei Regen absichtlich in die Pfütze stellen. Wenn du versuchst whimsicality in dein Leben zu lassen, kannst du dir ganz einfach öfter Mal irgendeinen Unfug erlauben, ohne nach dem Nutzen zu fragen oder danach, wie das auf andere wirkt.

Auf TikTok, Instagram und Pinterest findet man unter den Hashtags #whimsy, #whimsicalliving oder #whimsymaxxing eine Menge Inspiration dafür: lauter bunte Outfits, selbst gebastelten Schmuck, fantasievolle Wohnungen, analoge Hobbys, spontane Ausflüge und Tipps für kleine Alltagsrituale. Nach Jahren voller Vanillagirls in Minimalismus-Wohnungen mit durchoptimierten Morgenroutinen hat das Internet offenbar beschlossen: Das Leben darf wieder ein bisschen schräger werden.

Aber wir sind hier ja immer noch im Internet, in dem bekanntlich kaum eine gute Idee lange von der Konsumgüterindustrie unentdeckt bleibt. Und so wird aus dem Aufruf, das eigene Leben verspielter zu gestalten, erstaunlich schnell eine neue Ästhetik, die man sich praktischerweise direkt nach Hause bestellen kann. Denn wir brauchen ja jetzt DRINGEND bunte Tassen, Pilzlampen, extravagante Kerzenhalter, verspielten Schmuck und mindestens drei Wandteppiche, die aussehen, als hättest du sie direkt im WoW: forever Auktionshaus gekauft.

Zahlreiche schillernde Seifenblasen schweben im Sonnenlicht zwischen Bäumen, während Kinder und Erwachsene darunter spielen. „WoW forever“ steht für mehr Verspieltheit, Fantasie und kleine Glücksmomente im Alltag.

Das Glück liegt nicht im Warenkorb

Social Media kann inspirieren, neue Interessen wecken und Menschen zusammenbringen. Gleichzeitig bekommen wir dort ständig Ausschnitte aus dem Leben anderer serviert, die besonders schön, aufregend oder beneidenswert wirken. Wer sich regelmäßig damit vergleicht, hat schnell das Gefühl, das eigene Leben sei zu langweilig, die Wohnung zu gewöhnlich und die Freizeit nicht spannend genug. Dabei sehen wir fast immer nur die sorgfältig ausgewählten Momente und nicht den ganz normalen Alltag dazwischen. Und da haben wir den Salat: Schon wieder schafft es das worldwideweb, dass ein Trend, der uns eigentlich unabhängiger von gesellschaftlichen Erwartungen machen soll, gleich wieder neue Erwartungen produziert.

Dass das Ganze längst ein gut laufendes Geschäft ist, zeigt ein Bericht von Fast Company aus dem September 2026. Es geht unter anderem darum, wie Bastelläden vom sogenannten Whimsymaxxing profitieren. Besonders gefragt: glitzernde Schmucksteine, mit denen Menschen ihre Alltagsgegenstände aufhübschen. Profis nennen das ganze bedazzeln.

Es ist ja erstmal nichts falsch daran, sich etwas Schönes zu gönnen. Auch, spielerisch und kreativ mit verschiedenen Materialien zu arbeiten, kann richtig viel Freude machen. Kritisch wird es aber, wenn wir unsere Zufriedenheit davon abhängig machen, ob wir genau die Dinge besitzen, die andere gerade als unverzichtbar verkaufen. Denn dann wird aus der Freude am Besonderen das ziemlich bescheidene Gefühl: Mir fehlt noch was.

Auch die Forschung gibt Anlass, den Zusammenhang von Konsum und Zufriedenheit kritisch zu sehen. Eine Analyse aus dem Journal of Consumer Behaviour zeigt: Je materialistischer jemand eingestellt ist, desto geringer fällt das soziale Wohlbefinden aus. Der Zusammenhang kann dabei in beide Richtungen wirken. Wer sich einsam fühlt, strebt womöglich stärker nach Besitz, und wer stark auf Besitz fixiert ist, fühlt sich im Schnitt sozial schlechter eingebunden.

Das heißt nicht, dass uns schöne Dinge unglücklich machen. Sie sind nur einfach keine Garantie dafür, dass es uns mit ihnen besser geht. Deshalb lohnt sich der Blick zurück auf die ursprüngliche Idee von Whimsicality. Denn die lautet nicht, möglichst viele gehypte Dinge zu besitzen, sondern gewöhnliche Dinge wieder mit anderen Augen zu sehen.

WoW forever

Wir dürfen neugierig sein, Quatsch machen, Neues ausprobieren und uns an Kleinigkeiten erfreuen. Und das nicht nur dann, wenn gerade eine Kamera auf uns gerichtet ist! Klar, ein whimsical Lebensstil löst weder all unsere Probleme noch macht er jeden Alltagsmoment zu einer Szene aus einem Wes-Anderson-Film. Manchmal ist das Leben einfach anstrengend, langweilig oder ziemlich ungerecht. Aber wenn du es schaffst, ab und zu mal ein bisschen von deiner kindlichen Neugier und Begeisterungsfähigkeit aus dir raus zu lassen, haben wir gute Neuigkeiten: du bist ganz schön whimsical! Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss jetzt spazieren gehen und den besten Stock aller Zeiten finden!


Chrissy Kalla
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