Alles wird irgendwie auf Effizienz getrimmt. Du bestellst deine Pizza telefonisch vor, damit du bloß nicht zu lange den Duft des Holzofens aushalten musst. Dein Jour Fixe wird von 30 auf 15 Minuten gekürzt, weil während der Arbeitszeit nicht mehr über das Wochenende gequatscht wird (danke Fritze Merz). Apple bringt das iPhone Duo raus, mit dem du jetzt auf zwei Bildschirmen gleichzeitig sinnlose Videos anschauen kannst. Und dein Zugticket ist ein schwarzer QR-Code auf weißem Grund – gut und schnell erkennbar für den Handscanner des Schaffners.
Unsere Gesellschaft optimiert, digitalisiert und beschleunigt, was das Zeug hält. Effizienz ist das Zauberwort, mit dem sich fast jede Entscheidung rechtfertigen lässt. Dass Abläufe effizienter werden, ist per se ja erstmal nicht schlecht. Nur könnte man dabei vielleicht darauf achten, dass nicht alles grau-beige, minimalistisch und langweilig wird? Wir haben als Menschen ja die erstaunliche Fähigkeit, wirklich beeindruckend schöne Dinge herzustellen. Wieso haben wir also damit aufgehört, das in unserem Alltag zu machen? (Hierbei handelt es sich um eine rhetorische Frage, bitte also keine Hass-Mails von Kapitalismus-Fans in unsere Postfächer, danke!)
Der Wunsch, sich im Alltag mit schönen Dingen zu umgeben, wirkt vielleicht erstmal ein wenig oberflächlich. Vielleicht denkt der ein oder andere „Was soll das denn bringen?“ oder „Dafür zahl ich dann aber das Doppelte!“. Ja, stimmt schon. Ich könnte mir meinen Kaffee auch jeden Morgen aus einem ausgespülten Senf-Glas oder direkt aus der Kanne einflößen, aber irgendwie macht das was mit mir, wenn ich das flüssige Glück aus meiner knallgelben „The bees are happy“-Tasse trinken kann.

Was sind denn schöne Alltagsgegenstände?
Schöne Alltagsgegenstände meinen in diesem Text nicht Designermöbel oder Siebträgermaschinen. Wir meinen damit stinknormale Gegenstände, die wir in unserem Leben benutzen, nur eben die schönen Versionen davon. Viele von uns erfreuen sich an ihnen, auch wenn sie uns auf den ersten Blick gar nicht so viel mehr bringen, als ihr effizientes, für-den-Zweck-optimiertes Pendant:
- Kinotickets mit dem kleinen Filmstreifen am Rand
- Zugtickets mit kleinen grafischen Spielereien
- Streichholzschachteln in besonderem Design
- Briefmarken-Sondereditionen
- Knallbunte Autos
- Analoge Uhren mit schönem Ziffernblatt
- Verpackungen von Produkten, die durchdacht sind
- Physische Magazine zum Anfassen, Durchblättern und ins Regal stellen (wir hätten da eine Empfehlung)
- Stempel im Reisepass
- Häuser mit bunten Fensterläden
- Geldscheine mit landestypischen Gebäuden, Menschen oder Tieren
- CD- und Schallplattencover, die fast schon als Miniatur-Kunstgalerie durchgehen
- Wanderstempel in Hüttenbüchern
- aufwendig gestaltete Fliesen in Altbauhäusern
- handgeschriebene Postkarten
- you name it…
Was all diese Dinge verbindet? Sie erfüllen ihren Zweck und sind dabei noch schön anzusehen. Und die Tatsache ihrer Schönheit ist rein rational betrachtet erstmal vollkommen überflüssig, denn ein Fahrschein bringt uns nicht besser oder schneller von A nach B, nur weil er ✨aesthetically pleasing✨ ist. Wieso ist es aber dennoch wichtig, dass wir schöne Alltagsgegenstände um uns herum haben?
Schönheit aus der Sicht der Wissenschaft
Eine internationale Befragung von über 3.000 Wissenschaftler:innen kam zu dem Ergebnis, dass häufige ästhetische Erlebnisse (also diese kurzen „oh, wie schön“-Gefühle beim Anblick von irgendwas) eng mit höherem psychischem Wohlbefinden zusammenhängen. Und dabei ist nicht die Rede von dieser „joa, passt schon“-Zufriedenheit, sondern von dem, was die Positive Psychologie „Flourishing“ nennt. Die Studie zeigt, dass Menschen, die regelmäßig staunen, buchstäblich aufblühen.
Für die „Big Joy“-Studie wurden über 18000 Menschen aus 172 Ländern gebeten, sich täglich ein paar Minuten Zeit für irgendetwas zu nehmen, das ihnen Freude bringt. Und siehe da: ihr gesamtes Wohlbefinden stieg messbar. Für mehr Zufriedenheit und Freude muss man demnach nicht stundenlang meditieren, nach Norwegen auswandern oder 20 Goldbarren im Tresor haben. Es reichen kleine, bewusst wahrgenommene Momente, um im Alltag grundsätzlich zufriedener zu sein. Meine gelbe Tasse ist also quasi wissenschaftlich belegt ein sehr wichtiger Teil für mein Wohlbefinden! Und dass uns das Design von schönen Geldscheinen oder Bahntickets im Ausland glücklich macht, scheint wohl ebenfalls keine Einbildung zu sein.
Es ist übrigens auch kein Zufall, dass uns solche Details vor allem im Urlaub auffallen und seltener auf dem Weg zur Arbeit. Im Alltag läuft unser Gehirn nämlich gerne mal im Autopilot, weil es einfach keine Kapazität dafür hat, jeden perfekt geformten Bordstein und jede prächtige Litfaßsäule einzeln zu würdigen. Im Urlaub ist der Autopilot öfter mal aus und wir haben viel mehr Raum dafür, Details um uns herum so wirklich wahrzunehmen. Deshalb landet der Fahrschein aus Singapur auch am Kühlschrank und die RMV-Monatskarte im Altpapier, obwohl beide streng genommen denselben Job machen.

Effizienz vs. Schönheit
Ein Zugticket als QR-Code spart Papier und Zeit – fair Point. Und der online-Check-in geht am Flughafen deutlich schneller, als die menschliche Passkontrolle mit Stempelvergabe. Alles verständlich. Aber irgendwie führt diese ständige Effizienzsteigerung aller möglichen Abläufe auch dazu, dass wir nach und nach sehr viele schöne Dinge über Bord werfen.
Digitale Tickets sehen inzwischen fast überall gleich aus: weißer Hintergrund, QR-Code, Nummer, fertig. Neue Häuser werden einheitlich verputzt, weil bunte Fassaden „nicht zum Stadtbild passen“ (als hätte irgendwer je ein Stadtbild vermisst, das aus lauter grau besteht??). Verpackungen werden minimalistischer, weil das gerade als hochwertig gilt, dabei sind sie damit einfach nur austauschbar. Und wenn ein Unternehmen kein Fan von Minimalismus ist, dann wird zumindest die Grafikdesign-Abteilung minimiert. Denn tolle Designs kann ja inzwischen fast jede:r ganz einfach mit KI erstellen! HAHAHA
Effizienz und Schönheit schließen sich nicht automatisch aus. Das tun sie nur, wenn wir uns dafür entscheiden, das zuzulassen. Also lass dir eins gesagt sein: Die kleinen, schönen Dinge im Alltag sind kein nostalgischer Luxus, sondern ein ziemlich stabiler Wohlfühl-Booster. Also: Heb das hübsche Zuckertütchen aus dem nächsten Urlaub ruhig auf. Und wenn dich jemand fragt, wofür du das brauchst, dann sag einfach: für wissenschaftlich fundierte Lebensfreude.




