Album der Woche: Chanel Beads – Your Day Will Come (2026)

von | Aug. 14, 2026

Shane Lavers von Chanel Beads steht nachts vor einem Feuer in einer körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahme. https://groundcontroltouring.com/storage/3137/conversions/01KS0X8X5DVPAD8VJMRJVNPSYX-large.jpg

Your Day Will Come klingt nach der Erinnerung an etwas. Nur ist nicht ganz klar, woran eigentlich.

Chanel Beads ist das Dream-Pop-/Art-Pop-Projekt von Shane Lavers aus Brooklyn, der bereits seit 2016 damit experimentiert, synthetische Sounds mit echten Instrumenten zu verschmelzen. Inzwischen ist das Projekt bei Jagjaguwar gelandet – dem Indie-Label, das auch Acts wie Bon Iver und Unknown Mortal Orchestra beherbergt. Auf Your Day Will Come wird Lavers dabei erneut tatkräftig von seiner Partnerin und Sängerin Maya McGrory sowie Violinist Zachary Paul unterstützt.

Wer gerade ein Déjà-vu hat, liegt richtig. Lavers fand den Titel Your Day Will Come offenbar so gut, dass er ihn gleich zweimal verwenden musste. Schon sein Album von 2024 hieß so. Nun trägt auch das 2026er Werk denselben Namen. „Your Day Will Come“ ist einer dieser Sätze, deren Bedeutung davon abhängt, wie lange man ihn anschaut.

Zwischen Wachsein und Einschlafen

Für Musik wie diese wurde irgendwann der Begriff „Hypnagogic Pop“ erfunden. Ich bin grundsätzlich kein Fan davon, jedem leicht neuen Sound gleich ein neues Genre aufzustempeln. Aber zugegeben: Hier ist die Beschreibung irgendwie zutreffend.

Hypnagogie bezeichnet jenen Zustand zwischen Wachsein und Einschlafen, in dem Gedanken anfangen, ihre Konturen zu verlieren. Bilder tauchen auf, Erinnerungen vermischen sich und Logik hält sich nicht mehr an Naturgesetze. Die Musik weckt Erinnerungen an popkulturelle Epochen der Achtziger und Neunziger – gleichzeitig aber auch an eine Ära, die vielleicht überhaupt nie existiert hat. Als hätte jemand Erinnerungen genommen, sie durch ein Kaleidoskop betrachtet und anschließend auf eine Kassette überspielt, die seit 30 Jahren auf irgendeinem Dachboden liegt. 

Technisch bewegt sich Chanel Beads irgendwo zwischen Dream Pop, Art Pop, Shoegaze und DIY-Produktion. Der Sound ist spaced-out, downsampled, noisy und staubig. Vintage-Hall hängt über Stimmen und Instrumenten, Synth-Pads schweben vorbei, Gitarren und Vocals schwimmen unter heftigen Chorus-Effekten. Trotz all dieser bewussten Texturen ist Your Day Will Come präzise produziert. Unter dem Staub steckt ein Album, das großen Pop-Platten in nichts nachsteht, sondern einfach eine andere Farbpalette verwendet. Sehr angenehm auf dem Ohr.

Menschenleerer, dunkel beleuchteter Flur als visuelle Darstellung des Albums Your Day Will Come von Chanel Beads.

Your Day Will Come bietet Songs wie leere Flure

Auch die Texte bewegen sich in einem schwer greifbaren Zwischenzustand. Wie in einem Liminal Space wissen wir nie so genau, wo wir uns gerade befinden – und noch weniger, wohin das Ganze führt. Wie ein Hotelflur um drei Uhr morgens, ein leerer Flughafen oder ein Einkaufszentrum kurz vor Ladenschluss. Fühlt sich irgendwie komisch an. Situationen werden nur angerissen, Erinnerungen und Gefühle tauchen für einen Moment auf und verschwinden wieder, bevor sie wirklich Gestalt annehmen können.

Dadurch fühlt sich Your Day Will Come wie das vermeintliche Ende der Reise an, die mit dem ersten Album begonnen hat. Trauer, Verlust, Schuld, Loslassen, Hoffnung: Eigentlich müsste das alles inzwischen hinter uns liegen. Aber haben wir wirklich damit abgeschlossen?

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem dieses Album steht. Nicht mehr ganz dort, wo alles passiert ist, aber auch noch nicht wirklich am Ziel. Und wenn man tatsächlich doch das Ende erreicht hat, bleibt eine unangenehm offene Frage: Was kommt danach? Kommt überhaupt etwas? 

Your Day Will Come. Wann denn jetzt? Oder gar nicht mehr?

Naja, Grüße aus dem Schwellenraum jedenfalls. 


Wer noch mehr Songs der Woche finden möchte, kann dies über diesen Link hier tun. Aber Achtung: der Musikgeschmack unserer Redaktion ist manchmal besonders.


Tom
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