Hilfsbereitschaft lässt sich schwer messen. Schließlich kann niemand zählen, wie oft Menschen spontan einem Fremden helfen, die Spinne im Wohnzimmer retten oder sich für die Rechte anderer einsetzen. Doch manchmal hinterlässt Hilfsbereitschaft digitale Spuren, die man fantastisch analysieren kann…
Jeden Monat tippen Millionen Menschen auf der ganzen Welt Fragen in das Google Suchfeld ein und gehen dabei nicht davon aus, das jemals gelesen wird, was eingetippt wird. Aber Überraschung: mit Google Trends lässt sich ziemlich gut nachvollziehen, wonach gesucht wird. Genau das hat sich das Datenprojekt The Data Drop zu nutze gemacht und die Google Suchanfragen der letzten fünf Jahre durchforstet. Warum sie das gemacht haben? Um herauszufinden, wann und warum Menschen helfen wollen. Das Ergebnis mit dem Titel „When we ask how to help“ bietet ein paar berührende Fakten, die wir uns heute anschauen wollen.
Wie Vögel ein Muster sichtbar machen
Jedes Jahr im Juni passiert etwas Merkwürdiges in den Google-Suchdaten: Die Anfrage „what to feed a baby bird“ explodiert regelrecht und wird bis zu 52-mal häufiger gesucht als im Februar. Dahinter steckt keine Marketingkampagne, keine virale Challenge, und kein Vogel-Influencer, sondern schlicht und einfach der Lauf der Natur:
Im Juni verlassen viele Jungvögel ihr Nest zum ersten Mal, um die Gegend zu erkunden und vielleicht die ersten Flugversuche zu unternehmen. Viele fallen dabei auf den Boden und wirken ein bisschen verloren – zumindest für uns Menschen. Zwar sind meist Mama- und Papa-Vogel nicht weit entfernt, aber das ist Vogel-Noobs nicht immer so bewusst. Wenn der Homo Sapiens also einen kleinen, aufgeplusterten Vogel entdeckt, gehen wahrscheinlich erstmal die Alarmglocken an, sodass daraufhin das Internet um Rat gebeten wird, wie man dem gefederten Geschöpf helfen könnte.
Dieser saisonale Anstieg der Suchanfragen ist kein Ausreißer, sondern wiederholt sich seit Jahren mit bemerkenswerter Verlässlichkeit. Die Natur konfrontiert Menschen zwischen Mai und Juli mit einer Situation, auf die sie nicht vorbereitet sind und auf die sie spontan mit Hilfsbereitschaft reagieren.
“It is millions of strangers noticing something fragile at the same time.”
– The Data Drop
Hilfsbereitschaft hat Saison
Wer sich die Daten von Google Trends genauer anschaut, entdeckt ein erstaunliches Muster: Hilfsbereitschaft scheint tatsächlich häufig bestimmten Jahreszeiten zu folgen.
So erreicht zum Beispiel die Suchanfrage „how to help a bee“ regelmäßig im Sommer ihren Höhepunkt. Kein Wunder: Wenn die Temperaturen steigen, finden Menschen häufiger erschöpfte Bienen auf Gehwegen, Balkonen oder im Garten und fragen sich, ob sie irgendetwas tun können. Auch die Suche nach Hilfe für streunende Katzen nimmt im Frühjahr deutlich zu.
Selbst Freundlichkeit scheint einen Platz im Kalender zu haben: Die Suchanfrage „random acts of kindness“ wird besonders häufig rund um den Valentinstag gesucht. Offenbar denken viele Menschen im Februar nicht nur über das perfekte Valentinstag-Geschenk nach, sondern auch darüber, wie sie generell anderen Menschen eine Freude machen können.
Spannend wird es bei auch bei Suchanfragen rund um ehrenamtliches Engagement. Begriffe wie „how to volunteer“ oder „how to donate to charity“ sind das ganze Jahr über hoch im kurs, verzeichnen aber starke Anstiege zu Beginn eines neuen Jahres und um die Weihnachtszeit herum. Während sich also manche Menschen für den Januar vornehmen, mehr Sport zu treiben oder weniger Zeit am Smartphone zu verbringen, suchen andere nach Möglichkeiten, sich gesellschaftlich einzubringen.
Vielleicht braucht Hilfsbereitschaft einfach einen konkreten Auslöser, der einem das Gefühl gibt, dass man gebraucht wird?
Wenn Krisen die Welt bewegen
Neben den saisonalen Mustern bei den Suchanfragen gibt es auch Ereignisse, die aus den Daten herausstechen. Besonders deutlich wird das bei der Suchanfrage „how to help refugees“. Über Jahre hinweg verlief die Kurve dieser Google-Suche relativ konstant. Dann kam im August 2021 die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und innerhalb kürzester Zeit schnellten die Suchanfragen nach oben.
Ein ähnliches Bild zeigte sich auch wenige Monate später nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Millionen Menschen wollten wissen, wie sie Geflüchtete unterstützen, Unterkünfte anbieten oder Geld spenden können. Solche Peaks zeigen, wie eng Hilfsbereitschaft und mediale Aufmerksamkeit miteinander verbunden sind. Wenn eine Krise die Nachrichten dominiert, suchen viele Menschen nicht nur nach Informationen, sondern auch nach Möglichkeiten, aktiv zu werden.
Die kuschligste Suchanfrage von allen
Zwischen all den saisonalen und krisengeprägten Suchanfragen gibt es eine, die besonders auffällt: „How to comfort someone“ – Wie tröstet man jemanden?
Anders als bei den anderen Begriffen gibt es hier kaum bedeutende Ausschläge in der Kurve. Die Nachfrage bleibt das ganze Jahr über erstaunlich konstant und das ist irgendwie auch nicht verwunderlich. Denn Menschen werden nicht nur im Winter traurig, Beziehungen scheitern nicht ausschließlich im Frühjahr und schlechte Nachrichten gibt‘s bekanntlich auch nicht nur ungeraden Kalenderwochen. (Apropos Nachrichten: wenn du gute willst, schau mal hier)
Manchmal scheint Hilfsbereitschaft von äußeren Ereignissen beeinflusst zu werden. Aber der Wunsch, für andere Menschen da zu sein, ist laut Goolge Trends dauerhaft präsent. Das ist doch schön, oder?
Die vielleicht spannendste Entwicklung der gesamten Analyse von The Data Drop steckt allerdings nicht in einer saisonalen Suchanfrage. Sie versteckt sich hinter drei kleinen Wörtern:
„How to help.“
Dabei geht’s nicht um Bienen, Jungvögel oder um Geflüchtete. Es lässt sich kein konkreter Anlass erkennen, wenn einfach nur die Frage gestellt wird: Wie kann ich helfen?
Laut den ausgewerteten Google-Trends-Daten wird genau diese Suchanfrage seit Jahren immer häufiger gestellt. Anders als bei den spezifischen Suchanfragen ist das kein kurzfristiger Trend, der nach einer Weile wieder abebbt. Vielmehr steigt die Kurve seit 2004 langsam, aber erstaunlich konstant an.

Irgendwie seltsam, dass uns diese Suchanfrage keinerlei Kontext bietet. Wer „How to help“ eingibt, sucht wahrscheinlich nicht nach einer bestimmten Organisation oder einem konkreten Problem. Wahrscheinlich spielt hier eher die grundsätzliche Bereitschaft, etwas tun zu wollen, eine Rolle.
Natürlich verrät uns Google nicht, wer hinter diesen Anfragen steckt oder ob auf das Stöbern durch die Suchergebnisse tatsächlich eine Handlung folgt. Aber die steigende Zahl zeigt zumindest, dass immer mehr Menschen aktiv nach Möglichkeiten suchen, sich einzubringen.
Das steht in einem interessanten Kontrast zu unserem oft düsteren Blick auf die Gesellschaft. Wer Nachrichten konsumiert oder durch soziale Netzwerke scrollt, bekommt schnell den Eindruck, die Welt bestehe vor allem aus Konflikten, Polarisierung und Egoismus. Die Daten von The Data Drop erzählen eine etwas andere Geschichte. Sie beweisen, dass es Menschen gibt, die nicht nur wissen wollen, was passiert ist, sondern auch, was sie selbst tun können.




