Bei meinem Schüleraustausch nach Trentino in Italien vor über zehn Jahren stand das Thema dieses Beitrags – Arte Sella – leider nicht auf dem Programm. Vor Ort haben wir zwar die köstlichen Pistaziencroissants und unsere liebevollen Gastfamilien kennenlernen können, aber die Gegend selbst nicht so wirklich. Trentino war für unsere kleine Gruppe vor allem der Ausgangspunkt für Ausflüge in bekannte Städte Italiens. So reisten wir zum Beispiel nach Florenz, wo wir Botticellis berühmte Venus in den Uffizien bestaunen durften. Keine Frage, alles in diesem Museum war unfassbar beeindruckend und ich bin bis heute froh, dort gewesen zu sein. Aber heute weiß ich: Für außergewöhnliche Kunst hätten wir gar nicht stundenlang durch Italien fahren müssen.

Eine der spannendsten Sehenswürdigkeiten der Region lag praktisch direkt vor unserer Nase. Denn im Val di Sella, unweit von Borgo Valsugana in der Provinz Trentino, befindet sich Arte Sella – ein Freilichtmuseum, das Kunst und Natur auf eine wunderbare Weise miteinander verbindet. Und weil es mich in meinem diesjährigen Sommerurlaub nach langer Zeit mal wieder nach Trentino verschlagen hat, konnte ich die Chance nutzen und endlich das „museo a cielo aperto“ besuchen und eine kleine Wanderung durch Arte Sella machen.
Bevor ich aber die von Menschenhand geschaffene Kunst bestaunen konnte, durfte ich auf der Anreise erst einmal die Kunst der Natur bewundern. Über schmale, kurvenreiche Bergstraßen schlängelt man sich immer weiter den Berg hinauf und wird dabei mit beeindruckenden Ausblicken auf das Valsugana belohnt. Nach und nach verdichtet sich der Wald, ab und zu steht eine kleine Hütte am Wegesrand und man überholt den ein oder anderen motivierten Rennradfahrer.
Schon ein bisschen irre, diese Strecke aus eigener Muskelkraft zu bewältigen… Naja, irgendwann erreicht man dann den Ultimo Parcheggio, den letzten Parkplatz vor dem Freilichtmuseum. Von dort aus führt der Weg zu Fuß weiter zum Eingang. Und das ist bei über 30 Grad zwar ziemlich ermüdend, aber gleichzeitig auch ziemlich wohltuend. Denn mit jedem Schritt wird es ruhiger, die Natur unberührter und die Vorfreude größer.
Ein Museum ohne Alarmanlage
Die Idee hinter Arte Sella stammt von einer Gruppe Freund:innen, die sich 1986 im Garten der Villa Strobele ein paar spannende Fragen stellten: Was passiert, wenn Kunst nicht in einem Museum hängt, sondern mitten im Wald entsteht? Und was passiert, wenn Künstler:innen ihr Werk irgendwann an die Natur abgeben?
Aus diesen Fragen entwickelte sich Arte Sella. Zunächst entstanden einzelne Installationen rund um die Villa. Mitte der 1990er-Jahre wurde das Projekt dann auf einen rund vier Kilometer langen Weg auf dem Monte Armentera erweitert, auf dem ich bei meinem Besuch auch unterwegs war. Die Kunst ist hier weniger Teil einer klassischen Ausstellung, sondern vielmehr ein fortlaufender kreativer Prozess. Die Künstler:innen setzen den ersten Impuls und schaffen Werke aus Naturmaterialien, nur vereinzelt kommen Materialien wie Metall oder Glas zum Einsatz. Dann kommt die Natur ins Spiel: Wind und Wetter, Pflanzen und Tiere verändern die Werke Tag für Tag. Manche Kunstwerke sehen schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus wie zuvor, manche verschwinden fast vollständig und werden wieder Teil der Natur.
Zwischen Bäumen und Felsformationen begegnet man auf diesem Weg immer wieder Kunstwerken, die sich fast wie selbstverständlich in die Landschaft einfügen und oft erst bei genauem hinsehen zu erkennen sind. Auf dem Gelände finden zudem regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Workshops und Performances statt. So wurde aus einer Idee unter Freund:innen einer der bedeutendsten Orte für zeitgenössische Land Art, der für alle zugänglich ist.

Kunst zum Anfassen
Entweder habe ich es übersehen, oder es gibt sie wirklich nicht: die Schilder mit der Aufschrift „Bitte nicht berühren“. Natürlich empfiehlt es sich, mit den Installationen sorgsam umzugehen, damit sie möglichst lange in einem guten Zustand bleiben. Aber anders, als in vielen klassischen Ausstellungen, laden die Werke hier zum Erleben mit (fast) allen Sinnen ein. Viele Installationen sind so gebaut, dass man zwischen geflochtenen Ästen hindurch, unter Holzbögen, durch schmale Gänge aus Stämmen mittendurch laufen kann. An manchen Stellen schaut man durch die Löcher und Zwischenräume der Installationen und sieht die Umgebung wie eingerahmt. So nimmt man die Landschaft, die sowieso schon einfach unfassbar schön ist, noch viel schöner wahr.
Während Kunstwerke in Museen bestmöglich vor dem Verfall bewahren will, lädt man ihn in der Arte Sella quasi zur Mitarbeit ein. Hier ist das Berühren der Kunst keine Sabotage, sondern Teil des Erlebens. Ich hab Rinde unter meinen Fingern gespürt, bin über knorrige Wurzeln gestiegen, hab dabei geholfen, ein Gebilde aus Volierendraht mit Kieseln zu füllen und bin auf riesigen Stein-Eiern herumgeturnt. Bei all dem ging kein Alarm ging los und niemand hat mich ermahnt. Hier rechnet man wohl damit, dass die Kunst angefasst und ein kleines bisschen verändert wird, denn schließlich übernimmt die Natur diese Aufgabe sowieso.

Manchmal bedeutet Fortschritt loszulassen
In den Meisten Museen wird die Kunst bestmöglich vor äußeren Einflüssen bewahrt: Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden kontrolliert, ein Sicherheitsabstand trennt Besucher:innen von den Werken und wenn nötig sorgen Restaurator:innen dafür, dass Gemälde die nächsten Jahrhunderte möglichst unverändert überstehen. Und dass das so gemacht wird, ist wichtig und richtig! Denn immerhin tragen viele Werke dazu bei, Teile unserer Vergangenheit festzuhalten und weiter zu erzählen.
Arte Sella tickt da anders, denn hier gehört Veränderung zum Konzept. Die Installationen sind nicht dafür gemacht, ewig zu bestehen. Sie verwittern, verändern ihr Aussehen und verschwinden irgendwann vielleicht ganz. Was in einem klassischen Museum als riesiger Schaden gelten würde, ist hier Teil des künstlerischen Prozesses. Hier wird bewiesen, dass nicht alles dauerhaft bestehen muss, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Irgendwie ganz schön inspirierend, nicht alles krampfhaft zu konservieren, sondern Veränderung zuzulassen, oder?




