Als ehemalige Einwohnerin des schönen Wuppertals hat es mich natürlich auch das ein oder andere Mal nach Köln und Düsseldorf verschlagen. Immerhin musste ich als Soziologiestudentin empirisch erforschen, ob nun Kölsch oder Alt das bessere Bier ist und auf welcher Rheinpromenade man wirklich besser flanieren kann. Leider muss ich zugeben: Eine endgültige Antwort auf diese Fragen habe ich bei keinem meiner Besuche gefunden. Was ich aber jedes Mal gefunden habe, waren zwei Städte, die vor Vielfalt nur so platzen.
Dass Köln bunt ist, weiß sicher jede:r. Nicht nur während des Karnevals wimmelt es hier vor Individualität, so weit das Auge reicht. Gerade in Vierteln wie Mülheim, Ehrenfeld oder dem Belgischen Viertel darf man alles sein und alles wollen, solange man kein menschenverachtendes Wesen ist. „Jede Jeck is anders“ bringt diese Einstellung ja schon auf den Punkt.
Auch Düsseldorf hat um einiges mehr zu bieten als nur fancy Marken auf der KÖ. In der Altstadt treffen sich Einheimische, Touris, Studierende und Geschäftsleute an der längsten Theke der Welt zum Altbier, im Medienhafen ragen die Gehry-Bauten schief und selbstbewusst richtung Himmel, und im Szeneviertel Flingern treffen Streetart, Ateliers und internationale Küche aufeinander. Aber worum es hier eigentlich gehen soll: Little Tokyo – das japanische Viertel mitten in Düsseldorf.

Was ist Little Tokyo in Düsseldorf?
In Düsseldorf lebt die drittgrößte japanische Community Europas, nach London und Paris. Knapp 15 Tsd. Menschen mit japanischen Wurzeln leben in Düsseldorf sowie den angrenzenden Gebieten und rund 400 japanische Unternehmen haben hier ihren Sitz. Angefangen hat das Ganze in den 1950er-Jahren, als japanische Firmen sich am Rhein ansiedelten, denn die Stadt lag verkehrsgünstig und bot gute Kontakte in die Stahl- und Chemieindustrie. Aus Geschäftsbeziehungen wurden im Laufe der Zeit dann irgendwann persönliche Beziehungen, aus persönlichen Beziehungen wurden Familien und aus Familien wurde nach und nach ein Viertel, das heute ein wichtiger Bestandteil der Stadt ist.
Verlässt man den Hauptbahnhof, landet man ziemlich schnell in der Immermannstraße und findet sich wieder zwischen Ramen-Restaurants, Mochi-Buden, Izakayas (japanischen Kneipen) und Supermärkten mit Onigiri im Kühlregal. Bei Takagi, Europas ältester japanischer Buchhandlung, stehen die Manga-Regale bis unter die Decke, und im Nagaya – einem der wenigen japanischen Restaurants Deutschlands mit Michelin-Stern – kocht man auf einem Niveau, für das man sonst einen Flug nach Tokio bräuchte. Deutschlands einzige Soba-Meisterin zieht ihre Nudeln ebenfalls hier per Hand im Viertel. Seit ein paar Jahren hängen an manchen Ecken sogar Straßenschilder auf deutsch und japanisch: eine kleine, aber bezeichnende Geste dafür, wie selbstverständlich das Viertel inzwischen zu Düsseldorf gehört.
Auch außerhalb der Immermannstraße ist man in Düsseldorf gut aufgehoben, wenn man sich für japanische Kultur interessiert. Im Nordpark liegt der Japanische Garten – ein Geschenk der japanischen Gemeinde an die Stadt, angelegt 1975 von den Tokioter Landschaftsarchitekten Iwakii Ishiguro & Son. Auf 5.000 Quadratmetern warten im „Garten der Besinnung“ Teiche, Wasserfälle, Kirschbäume und Ahorn darauf, dass man mal kurz einen Gang runterfährt. Einen Besuch wert ist auch das EKŌ-Haus in Niederkassel, das den einzigen traditionellen shin-buddhistischen Tempel Europas beherbergt. Mit dabei gibt es einen Garten, eine Bibliothek und einen deutsch-japanischen Kindergarten sowie eine Menge Veranstaltungen.
Einmal im Jahr geht beim Düsseldorfer Japan-Tag so richtig die Post ab und die Rheinuferpromenade verwandelt sich für einen Tag in eine japanische Festivalmeile. Hunderttausende Besucher:innen feiern eines der größten japanischen Kultur- und Begegnungsfeste Europas, bis in der Nacht ein großes Feuerwerk über dem Rhein die Veranstaltung beendet.

Was Little Tokyo über kulturelle Vielfalt im Allgemeinen verrät
Little Tokyo und die gesamte japanische Community in Düsseldorf sind ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Stadt kulturelle Vielfalt nicht nur duldet, sondern über Jahrzehnte aktiv mitwachsen lässt: neue Restaurants, neue Arbeitsplätze, neue Nachbarschaften, neue Schulen und Vereine – und ein Stadtbild, das durch verschiedene Kulturen nicht schlechter, sondern spürbar besser wird. Ohne die japanische Community gäbe es in Düsseldorf kein Nagaya mit Michelin-Stern, keinen Japan-Tag und vermutlich auch keinen Tempel, in dem heute Menschen aller Herkünfte bei einer Teezeremonie zur Ruhe kommen.
Solche schönen Dinge entstehen, wenn man Menschen willkommen heißt und sie wirklich ankommen lässt, statt sie nur zu dulden. In Düsseldorf nennt es niemand „Multikulti-Experiment“, wenn du dir eine Portion Ramen reinpfeifst, sondern schlicht „Alltag“. Hier geht isst man Mochis und trinkt Bubbletea, weil man Lust darauf hat, nicht weil man gerade eine besonders integrative Erfahrung sammeln möchte. Little Tokyo wurde nicht erfunden oder strategisch geplant, um die Stadt diverser zu machen. Es ist über 70 Jahre gewachsen, weil sich Menschen wohl gefühlt haben, sie ein Zuhause fanden, Kinder bekamen, Geschäfte eröffneten und irgendwann selbstverständlich dazugehörten.
Das soll nicht heißen, dass das alles reibungslos lief oder läuft. Integration ist leider selten ein Selbstläufer, und auch in Düsseldorf gab es sicher genug bürokratische Hürden, Vorurteile und Klischees zu überwinden. Aber das Ergebnis lässt sich sehen, riechen, schmecken und fühlen. Little Tokyo beweist, dass aus Migration und gegenseitiger Akzeptanz etwas entstehen kann, das eine Stadt sichtbar attraktiver macht, sowohl kulinarisch als auch kulturell und wirtschaftlich.




