Podcast-Empfehlung: Luisa Neubauer im Standard-Interview mit Zsolt Wilhelm
Wir leben in großartigen Zeiten.Der technologische Fortschritt hat uns soziale Plattformen gebracht, hat jedem eine Stimme verliehen und allen Menschen damit die Chance gegeben, sich miteinander zu verbinden.
Und wir leben in seltsamen Zeiten.
Denn viele Menschen nutzen diese Chance, um ganz offen und nicht mehr nur betrunken am Stammtisch gegeneinander zu hetzen.
Aber wir leben auch in hoffnungsvollen Zeiten.
Denn es gibt andererseits auch Menschen, die diese Chance konsequent zum Guten nutzen.
Wer zum Beispiel?
Genau, Luisa Neubauer.
Meet Luisa Neubauer.
Mehr fallen uns auf Anhieb auch nicht ein. Maja Göpel natürlich. Und Mai Thi. Ganz schön dünne Ausbeute, wenn wir doch alle, siehe oben, theoretisch jetzt die Möglichkeit hätten, etwas Sinnvolles und Positives zu sagen.
Na gut, liegt vielleicht in der Natur des Menschen, sich lieber zurückzulehnen und zu urteilen, als selbst etwas zu tun und sich dem Urteil anderer auszusetzen. Dazu muss ich bei Gelegenheit den nächstbesten Hobby-Psychologen am Stammtisch befragen.
Aber zurück zum Thema und zum ersten Geständnis: Hier schreibt ein langjähriger, wohlgesonnener Luisa-Neubauer-Beobachter, der im Laufe der Zeit zum Fan wurde. Nur damit ihr wisst, woher der Wind weht.

Das jugendliche Gesicht der Klimabewegung in Deutschland
Geht es um Klima, ist sie gefragt. Und so hat sich das entwickelt …
Ende 2018 tauchten die ersten Schüler:innen in größeren Gruppen auf den Straßen auf. Freitags. Da war der Name schnell Programm: Fridays for Future.
Das findet man als Startbahn-West-, Wackersdorf- und Anti-Pershing-Veteran natürlich super. Endlich mal wieder eine Generation, die was tut. Und auch noch so schlau ist, das in die Schulzeit zu legen und „Schulstreik fürs Klima“ zu nennen.
Gut gemacht: Man muss sich halt manchmal zart an bestehenden Widerständen reiben und der Obrigkeit leicht auf die Nerven gehen. Sonst wirkt so etwas nicht.
Neben der schwedischen Rädelsführerin, um die es hier aus naheliegenden Gründen nicht geht, machte hauptsächlich eine Person als zentrale Gründer- und Aufbaufigur von Fridays for Future Deutschland von sich reden: Luisa Neubauer.
Mit Fridays for Future mobilisierte sie am Anfang und in der Hochphase der Bewegung eine Menge Menschen. Nicht nur Schüler:innen, auch Gruppen aus Erwachsenen wie Scientists for Future engagierten sich. Klimaschutz war damals „das“ Thema, und Luisa sprach in jedes Mikro und jede Kamera, die man ihr vor die Nase hielt.
Machte sie das gut? Aus meiner Sicht ja.
Erfrischend, smart und vorlaut, also genau richtig, um ein kleines bisschen zu provozieren, aber nett genug, um ein Gespräch offenzuhalten.
Naturgemäß war der Ton auf der Straße bei Demos lauter und in TV-Studios besonnener. Genau richtig. Meiner Meinung als älterer weißer Mann nach konnte sich der ältere weiße Mann auf der Straße ertappt, aber nicht verurteilt fühlen.
Auf der Höhe der Popularität der Klimabewegung kam Corona und damit das Ende der Versammlungsfreiheit, auch auf der Straße.
Politisch war das erst mal kein Schaden: 2021 bekamen wir mit Habeck und Baerbock zwei Galionsfiguren der Grünen in die Regierung, und alles war gut.
Denkste!
Der Kipppunkt der Klimabewegung
Das war, wie Öl ins glimmende, rechte Unterholz zu gießen. Explosionsartig wurde alles schlechtgeredet und runtergeputzt, was auch nur ansatzweise nach „links-grün versiffter, woker Gesinnung“ aussah. Oder nach Frau. Annalena Baerbock zum Beispiel war strahlend und gut gelaunt auf ihrer ersten Dienstreise noch nicht mal ganz die Treppe des Regierungsfliegers heruntergeklettert, da stürzten sich die rechtskonservative Presse und jede private Dreckschleuder in Social Media auf die Ministerin.
Vielleicht war das schon das erste Vorzeichen unseres heutigen Manosphäre-Problems.
Zu gut gekleidet.
Zu gut in Szene gesetzt.
Ahnungslos.
Entsetzliche Stimme.
Schlimmes Englisch.
Kein Vorwurf war absurd genug. Und das wenigste war fachliche Kritik.
Persönlich, unter die Gürtellinie, verletzend wurde die neue Norm der Trolle, bis sich einzelne Hetzer im Internet in einen regelrechten Hass hineinsteigerten. Das traf zwar auch Politiker wie Robert Habeck, aber besonders Frauen gegenüber war ein Damm gebrochen. Ab jetzt durfte rechtsaußen verbal auf alles Weibliche eingedroschen werden. Und Luisa Neubauer bekam das auch zu spüren.
Es gibt Videos aus dieser Zeit, in denen übereifrige Jung-Nazis sie bei Interviews auf Demos zu provozieren versuchen. Erschreckend offen und hemmungslos. Aggressiver Faschismus war schick und tageslichttauglich geworden.
Wie das ausging, haben wir alle miterlebt. Eine breite Kampagne gegen Grün machte Klimaschutz zum Tabuthema. Die Regierung zerbrach. Viele schon sicher geglaubte Ziele der Klimaschützer wackelten und wurden wie befürchtet in den folgenden Monaten rückabgewickelt.
Nach der Ampel
Und Luisa? Weniger Präsenz auf der Straße, dafür mehr in sozialen Medien und als politische Autorin. Klima wird von ihr stärker mit Wirtschaftspolitik, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit, Rechtsextremismus, gesellschaftlichen Mehrheiten und Zukunftsbildern verbunden.
Eine Wandlung von der Aktivistin hin zu Spielfeldern, auf denen man mehr Einfluss nehmen kann.
Denn wenn die Menschen auf der Straße weniger werden und der Druck auf die Politik in einem enttäuschenden Schulterzucken endet, ist der stille Kampf im Gerichtssaal vielleicht wirklich effektiver.
Die öffentliche Meinung, weg von Klima als Hauptaufgabe für die Zukunft, drehte sich natürlich nicht abrupt. Viele kleine und auch nicht so kleine Ereignisse beschleunigten das.
Während es zum Beispiel auf den Straßen freitags ruhiger wurde, machte eine Gruppe Aktivisten mit Aktionen von sich reden, die die Nation noch weiter spaltete: die Letzte Generation.
Die Motivation kann man verstehen, die Verzweiflung dahinter ist nachvollziehbar, aber schon beim Zuschauen und noch mehr jetzt im Nachhinein muss man leider feststellen: Das hat dem Klimaschutz als Thema eher geschadet als genutzt. Eine Gesellschaft, die von wirtschaftlichen Sorgen geplagt wurde, klatschte, meistens heimlich, Beifall, wenn Aktivisten mit roher Gewalt von den Straßen geholt wurden. Sinnbildlich versperrte hier jemand den Weg zur Arbeit. Da hatte sich ein Narrativ von rechtsaußen erstaunlich erfolgreich weiterentwickelt.
Man kann das als taktischen Fehler abbuchen. Ich glaube, es war mehr. Es war der Beweis für einen Satz, den ich damals noch nicht formulieren konnte: Wer Widerstand erzeugt, verliert Mehrheiten. Und ohne Mehrheiten passiert im Klimaschutz gar nichts.
Hitzewelle(n) 2026
Und heute? Der schlimmste Sommer aller Zeiten. Mit Hitzewellen, die alle Rekorde gebrochen, Ernten vernichtet und der taumelnden Wirtschaft richtig fett in die Kniekehlen getreten haben.
Es ist noch gar nicht lange her, dass Bauern aggressiv und aufgehetzt gegen Klimaschutzmaßnahmen auf die Straßen gingen. Und die Wirtschaft, die anscheinend fassungslos mit Milliardenschäden durch trockene Flüsse leben muss, hatte neulich noch einen etwas zu hohen Strompreis als Existenzkrise verkauft.
Aber die Öffentlichkeit bleibt erstaunlich ruhig. Auch Menschenleben spielen anscheinend kaum eine Rolle.
In so einer Situation könnte man den Kopf in den Sand stecken und aufgeben. Und eine engagierte Klimaaktivistin müsste sich eigentlich völlig deprimiert und desillusioniert in den vorzeitigen Ruhestand zurückziehen. Könnte man nachvollziehen.
Also war ich neugierig, was sie im Interview mit dem Standard zu sagen hat, und machte es mir vor YouTube gemütlich …
Das Interview, das wir alle jetzt brauchen
Die Erwartungshaltung war klar und geprägt vom Sound of Summer ’26:
- Das kollektive Jammern über die verlorenen Arbeitsplätze bei VW, Daimler und BMW.
- Unbedingt in Urlaub, ablenken, sonst hält man’s hier nicht aus. Man hat sich’s schließlich verdient, und dann brennt’s da auch noch. Unfair!
- Die Daheimgebliebenen schwitzten und schimpften. Klar: auf die da oben. Wer auch immer das war, sollte gefälligst Klimaanlagen besorgen. Wir müssen uns anpassen!
Das war überhaupt der Schlachtruf, der fast täglich von der kompletten Medienlandschaft einmal vorwärts und rückwärts runtergebetet wurde: Konnte ja keiner ahnen. Wir hätten uns besser anpassen müssen.
Die Lösungsansätze klangen eher schlicht: den Rhein tiefer buddeln, Innenstädte entsiegeln, Klimaanlagen in jede Mietwohnung.
In so einer Gemengelage, wo die deutsche Wirtschaft nur noch wenige Zentimeter Wasser unterm Bug hatte, die WG im Obergeschoss tagelang über dem Siedepunkt dampfte und alles nur noch in einer Katastrophe enden konnte, startete eine Klimaaktivistin erstaunlich ruhig und schlau in das Gespräch.
„Dieser Sommer wird ein Sommer gewesen sein, den wir in Erinnerung behalten. Natürlich einerseits, weil er katastrophal ist und so viele Menschen gefährdet sind, andererseits auch weil wir irgendwann zurückblicken werden und feststellen werden: Das war noch einer der kühleren und der weniger extremen Sommer dieses Jahrhunderts.“
So realistisch und abgeklärt begannen die wenigsten Gespräche über den Hitzesommer.
Und es kam noch besser.
Luisa hetzte nicht, keilte nicht aus, war nicht wütend, drückte nicht auf die Tränendrüse und schürte keine Panik.
Ein bisschen unheimlich, diese Ruhe.
Da hatte jemand keinen Grund mehr, laut zu werden oder gegen irgendeinen Trottel zu argumentieren. Die Auseinandersetzung darüber, ob das alles kommt, war nicht gewonnen. Sie war erledigt. Der Sommer hat sie erledigt.
So klingt jemand, der nichts mehr beweisen muss.
Und das ist etwas anderes als ein Sieg. Gewonnen hat hier niemand. Das Klima ist kaputter als je zuvor, die Ziele sind kassiert, die Toten dieses Sommers bleiben tot. Aber die Frage nach dem Ob ist vom Tisch. Und damit ändert sich, was überhaupt noch gesagt werden muss.
Neustart statt Alarmismus
„Die meisten Klimaschutzmaßnahmen wären auch sinnvoll, wenn es gar keine Klimakrise gäbe.“
„Es muss nicht immer schlimmer werden. Das zeigt uns jede Studie.“
Das ist kein Zweckoptimismus. Zweckoptimismus redet die Lage schön. Diese beiden Sätze tun das Gegenteil. Sie nehmen die Lage als gegeben und fragen, was jetzt zu tun ist. Der Unterschied ist der zwischen einer Warnung und einem Angebot.
Und genau da liegt die Lehre aus den letzten Jahren. Warnungen erzeugen Widerstand, und Widerstand kostet Mehrheiten. Die Letzte Generation hat das teuer bewiesen. Ein Angebot funktioniert anders. Man muss ihm nicht glauben, um es sinnvoll zu finden. Wer eine Innenstadt entsiegelt, hat Schatten. Wer sein Haus dämmt, hat eine niedrigere Rechnung. Beides bleibt richtig, auch wenn der Nachbar die Klimakrise für erfunden hält.
Der Sommer 2026 hat die Klimafrage entschieden und damit den Alarm als Kommunikationsmittel abgeschafft. Wer jetzt noch warnt, erzählt Menschen etwas, das sie gerade selbst erlebt haben. Erreichen wird nur noch, wer Klimaschutz so formuliert, dass er sich auch dann lohnen würde, wenn es die Krise gar nicht gäbe.
Das ist der Neustart. Und er kommt ausgerechnet von der Frau, die jahrelang am lautesten gewarnt hat.
Das ganze Gespräch gibt es beim Standard. Hören müsst ihr selbst. Und am besten auch zuschauen.
Achtung: der Titel klingt deprimierender, als es sein müsste und bezieht sich auf einen kleinen Teil des Gesprächs. Da hat der Azubi wohl die KI eine Hook suchen lassen …
Ein großes Lob übrigens an den Moderator Zsolt Wilhelm. Einer der wenigen Interviewer, die alles können: die richtigen Fragen stellen, zuhören, konzentriert bleiben, dem Interviewpartner Raum und Sicherheit geben.
Manche Männer schaffen es, ihre eigene Meinung nicht zum Gesprächsthema zu machen und ihrem Gegenüber nicht unter die Nase zu reiben, wie unheimlich schlau sie selbst sind.




