BAföG beantragt, Existenzangst bekommen: Warum viele Studierende trotz Förderung finanziell am Limit leben

von | Juni 12, 2026

zeigt die Stecke von Geldautomat zu Geldautomat beim Bafög Struggle der Autorin

Wenn ich mitbekomme, wie aktuell über BAföG diskutiert wird, denke ich nicht an Förderhöchstsätze, Reformpläne oder Haushaltsdebatten. Ich denke an drei Minuten im Jahr 2016. Genauer gesagt: an die drei Minuten vor dem Feierabend meiner damaligen Hausverwaltung.

Mein BAföG-Antrag hing zu besagter Zeit mal wieder irgendwo bei der Sachbearbeitung fest. Keine Ahnung, ob es an fehlenden Unterlagen meinerseits oder dem üblichen Bearbeitungsstau des Bafög-Amtes in Gießen lag, aber die Tatsache war: Ich hatte kein Geld auf dem Konto und auch kein Dispo, was mein Leben irgendwie hätte leichter machen können.

Wie es das Schicksal wollte, waren in dieser finanziell eher kniffligen Zeit natürlich nicht nur die üblichen Kosten wie Versicherungen, Strom, Internet und Miete fällig, sondern zu meiner Freude auch noch die Semestergebühren. Also musste ich Prioritäten setzen. Ich wollte auf keinen Fall eine Exmatrikulation riskieren und brauchte auch das Semesterticket, um zu meinem Nebenjob zu kommen, also stand schon mal fest, dass ich die Semestergebühren bezahlen werde. Wenn ich also weiter studiere, brauche ich auch Strom und Internet, um meine Hausarbeiten und Abgaben zu bearbeiten. So kam ich auf die grandiose Idee, alle Posten zu bezahlen, bis auf die Miete.

Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll zu erwähnen, dass ich in meinem 20 jährigen Soziologinnen-Hirn davon ausging, dass ich diese Entscheidung bei der Hausverwaltung verargumentieren könnte und die Mitarbeitenden sicherlich Verständnis zeigen werden, wenn ich ihnen meine Situation erkläre. Und weil ja sowieso so viele Menschen in unserem Haus gewohnt haben, fällt es sicher auch nicht auf, wenn die Miete mal ein bisschen später kommt. Außerdem ist das Büro direkt nebenan, also sind wir quasi sowieso Freunde!

So fiel mir die Entscheidung nicht besonders schwer, meinen damaligen Mitbewohner erstmal nicht in die Sache mit der Miete einzuweihen und weiterhin darauf zu hoffen, dass in kürze der Bafög Antrag bewilligt wird und auf meinem Konto wieder schwarze Zahlen zu sehen sind.

So vergingen also ein paar Tage, in denen ich darauf vertraut habe, dass schon alles so klappen wird. Tage, an denen ich mindestens zwei mal am Tag am Briefkasten war, um nach Post vom Bafög-Amt zu schauen. Bei einer dieser täglichen Überprüfungen am Nachmittag flatterte mir aber keine Erleichterung entgegen, sondern ein Schreiben unserer Hausverwaltung, in dem stand: Wenn die ausstehende Miete nicht spätestens am nächsten Tag gezahlt würde, drohe die fristlose Kündigung.

Am nächsten Tag.

Fristlose Kündigung.

Uff.

Ich stand also plötzlich vor der Herausforderung, das Zuhause von mir und meinem Mitbewohner zu bewahren und wurde mir über die drei Schwierigkeiten bewusst, die es bei der Lösung dieses Problems gibt:

  1. Ich hab kein Geld auf dem Konto.
  2. Ich hab morgen ein Uni Seminar, an dem ich Teilnehmen muss, um es zu bestehen.
  3. Es ist Donnerstag, 17:30 Uhr und die Wohnbau schließt um 18 Uhr.

Ich hatte also 30 Minuten, um uns vor einer temporären Obdachlosigkeit zu bewahren.

BAföG-Stress ist körperlich spürbar

Ich fuhr mit dem Aufzug in den 9. Stock und rannte in unsere Wohnung, um meine Bankkarte zu holen. Mein Mitbewohner fragte mich, was ich vor habe und ich antwortete „Muss nur kurz was organisieren!“, bevor ich aus der Wohnung stürmte. Im Aufzug nach unten rief ich bei der Bank an und bat um die Einrichtung eines Dispos. Rückmeldung war: Das ist natürlich auf die schnelle nicht möglich, aber ich könne jederzeit mein Konto überziehen, nur eben mit stabilen Zinsen. Keine Optimale Lösung, aber immerhin bot mir das die Möglichkeit, an Geld zu kommen.

Also rannte ich raus aus unserem Haus, ab auf die andere Straßenseite zum Bankautomaten am Berliner Platz. Wenn jetzt die Scheine raus kommen, dachte ich, dann kann ich entspannt zur Hausverwaltung spazieren, mich entschuldigen, 750€ hinblättern und die Sache ist erledigt. Aber natürlich kamen die Scheine nicht einfach raus. Ich wurde auf dem Display freundlich darauf hingewiesen, dass ich nicht mehr als 200€ auf einmal abheben kann. Also nahm ich die erste Ladung entgegen und startete einen neuen Versuch, der aber scheiterte. Warum? Keine Ahnung, die Geschichte ist 10 Jahre her. Was ich aber noch weiß: mein nächster Stop war die Sparkasse in der Johannesstraße.

Hier erlebte ich das gleiche, wie am Automaten zuvor: ich konnte nur 200€ auf einen Schlag abheben – und eine weitere Abbuchung wurde mir untersagt. So langsam machte sich die Vermutung breit, dass ich als Nicht-Sparkassen Kundin nicht so einfach Geld bei der Sparkasse abheben kann. Also rannte ich mit meinen 400€ rüber zur Volksbank in die Goethestraße und versuchte dort mein Glück. Die Stoßgebete, die ich zwischen 17:30 und 17:49 presslufthammerartig losgesendet habe, scheinen gewirkt zu haben: ich konnte die übrigen 350€ an diesem Automaten abheben.

Also nahm ich wieder meine Beine in die Hand und rannte zur Wohnbau Gießen. Mit jedem Blick auf meine güldene Casio (natürlich hatte ich diese Uhr, ich war eine coole Studentin) wurde ich nervöser. Ich rannte in den Hinterhof unseres Hauses, wo sich die Büros befanden, stieß die Tür auf, rannte in den ersten Stock und stand drei Minuten vor Feierabend im Büro einer Mitarbeiterin. Wie geplant entschuldigte ich mich, drückte ihr das Geld in bar in die Hand, bekam eine Quittung und wurde beruhigt, dass wir jetzt nicht mehr mit einer Kündigung zu rechnen haben. Wir sollen aber bitte darauf achten, dass so etwas nicht nochmal vorkommt. Na Mensch, zum Glück hat mir das auch keinen Spaß gemacht!

Graffiti in Gießen, Kaffeebecher mit Bafög Aufdruck, der Ewige Student in Gießen

Auf dem kurzen Heimweg durch den Hinterhof laufe ich wieder vorbei an unserem Briefkasten und sehe nach, ob sich vielleicht inzwischen doch ein Bafög Schreiben darin verirrt hat. Natürlich nicht. Aber in diesem Moment war mir das auch egal, weil die Miete und alle anderen Fixkosten bezahlt sind – zumindest für diesen Monat. Ich weiß noch, dass ich fix und fertig war und mich vor Erschöpfung am liebsten direkt ins Bett gelegt hätte. Aber nichts da.

Wieder in der WG im 9. Stock angekommen begrüßt mich wieder mein Mitbewohner, der sich in der vergangenen halben Stunde nicht einen Zentimeter vom Fleck bewegt hat. Er fragt mich, was ich getrieben hab und überlege kurz, ob ich die Wahrheit sagen soll. Ich denke an mein oberstes Credo: ein Mensch der nicht lügt, muss sich nichts merken. Also lege ich ihm das Schreiben der Hausverwaltung hin und erzähle ihm von meiner gerade erfolgreich durchgeführten Rettungsaktion unseres Lebens.

Begeistert war er natürlich nicht, aber nach einem Colada 43 und einer Versöhnungsshisha auf dem Palettensofa in der WG war alles wieder vergeben und vergessen. Pascal, falls du das liest: ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen, dass wir fast aus der Bude geflogen sind! HDL

Das Spiel, das jedes Jahr von vorne beginnt

Diese Geschichte erinnert mich bis heute daran, wie abgefuckt die Unizeit in Hinblick auf meine Finanzen war. Wer nie auf BAföG oder eine andere staatliche Unterstützung angewiesen war, versteht wahrscheinlich nicht so gut, wie viel psychischen Druck diese Abhängigkeit erzeugen kann. Man lebt über Jahre mit dem Wissen, dass die Entscheidung einer Behörde darüber bestimmt, ob man das Studium, die Wohnung und vielleicht das ein oder andere spaßige Erlebnis weiterhin finanzieren kann, oder nicht.

Jedes Jahr hört man in irgendeinem Gespräch die Frage „Hast du schon deinen Bafög Antrag gestellt?“ und kurz darauf beschleicht einen das Gefühl von Panik. Es ist immer das Selbe: Formulare ausfüllen. Nachweise sammeln. Kontoauszüge offenlegen. Einkommensnachweise der Eltern besorgen. Und wehe, du hast auch nur ein Sparbuch aus Kindertagen, wo 3€ zu viel drauf sind, das kann dich alles kosten!!!!

Der Erstantrag dauert laut Studierendenwerken im Schnitt zwei bis drei Monate, in Einzelfällen deutlich länger. Alles abhängig von der Motivation von einem selbst und der Motivation der Mitarbeitenden. Wenn sich da auch nur eine Kleinigkeit verzögert, hat das ganz reale Konsequenzen, die ich an diesem besagten Nachmittag in 2016 deutlich spüren konnte.

Wir sind Akademiker:innen und trotzdem arm dran

Eine Sitzung eines Seminars in der Uni ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben. Es ging um Armut in Deutschland und wie man sie anhand von statistischen Erhebungen messbar machen kann. In diesem Seminar lernten wir den Begriff der finanziellen Deprivation kennen und betrachteten zunächst die zentrale amtliche Statistik zur Messung von Armut, sozialer Ausgrenzung und Lebensbedingungen. Wir wurden darum gebeten, uns die Kriterien der materiellen und sozialen Entbehrung anzusehen und zu überlegen, welche Punkte auf uns zutreffen. Wenn von folgenden 13 Punkten mindestens sieben zutreffen, liegt eine erhebliche materielle und soziale Entbehrung vor:

Der Haushalt kann sich finanziell nicht leisten:

  1. Hypotheken, Miete, Rechnungen von Versorgungs­betrieben oder Konsum-/Verbraucher­krediten recht­zeitig zu bezahlen.
  2. die Unterkunft angemessen warm zu halten
  3. jedes Jahr einen ein­wöchigen Urlaub an einem anderen Ort zu verbringen
  4. jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder gleich­wertiger Protein­zufuhr zu essen (Anm. d. Red.: GO VEGAN!)
  5. unerwartet anfallende Ausgaben aus eigenen Mitteln zu bestreiten
  6. ein Auto zu besitzen (kein Firmen-/Dienst­wagen)
  7. abgewohnte Möbel zu ersetzen

Das Individuum kann sich finanziell nicht leisten:

  1. abgetragene Kleidungs­stücke durch neue (nicht Second-Hand-Kleidung) zu ersetzen
  2. mindestens zwei Paar passende Schuhe in gutem Zustand zu besitzen
  3. wöchentlich einen geringen Geld­betrag für sich selbst aufzuwenden
  4. regelmäßige Freizeit­aktivitäten (auch wenn diese Geld kosten)
  5. mindestens einmal im Monat mit Freunden/Familie für ein Getränk/eine Mahlzeit zusammen­zukommen
  6. eine Internet­verbindung zu haben

Mit jedem Punkt wurde die Stimmung im Seminarraum ein bisschen nachdenklicher. Denn plötzlich merkten viele von uns, dass sie selbst erstaunlich viele dieser Kriterien erfüllten. Dass wir kaputte Laptops nicht ersetzen können, keine Rücklagen haben und Verabredungen absagen, weil uns das Geld fehlt. Und wieder dachte ich an diese drei Minuten bei der Wohnbau und die verspätete BAföG-Zahlung, die gefühlt mein ganzes Leben hätte zum Einsturz bringen können.

Was sich seit 2016 geändert hat und was nicht

Zehn Jahre später lese ich Schlagzeilen über BAföG-Reformen und habe das Gefühl, irgendwo in einer Zeitschleife gefangen zu sein. Die Kulisse der Existenzängste hat sich kaum verändert, nur die Zahlen wurden ein bisschen hin und her geschoben. Ob nach oben oder nach unten ist abhängig davon, wohin man schaut.

Ein Drittel der Studierenden in Deutschland gelten laut Destatis als armutsgefährdet. Und trotzdem steckt die im Koalitionsvertrag angekündigte BAföG-Revolution gerade irgendwo fest, während Studierende weiter mit knappen Budgets jonglieren. Die Verbesserungen kommen zwar vielleicht irgendwann, wenn die Haushaltslage des Landes es zulässt, aber mit dem Gedanken an ein paar Euros mehr lassen sich die Nebenkosten ja irgendwie auch nicht bezahlen…

Zugegeben: Was geplant ist, klingt zumindest auf dem Papier super ambitioniert: Die Wohnkostenpauschale soll zum Wintersemester 2026/27 auf 440 Euro steigen, Freibeträge werden dynamisch angepasst und die Bedarfssätze sollen zum WS 27/28 und 28/29 so steigen, dass das Grundsicherungsniveau erreicht wird.

Für alle, die sich noch nie mit einem Bafög-Antrag quälen mussten heißt das übersetzt: es gibt mehr Geld.

Für diese positiven Veränderungen braucht es aber politischen Willen, Mehrheiten, Haushaltsspielräume und für Bafög-Empfänger:innen auch noch ein bisschen Glück beim Timing, damit man vom Kuchen noch was abbekommt, bevor das Studium hinter einem liegt. Wenn wirklich alles so umgesetzt wird, wie geplant, wäre das tatsächlich ein riesiger Fortschritt. Ob es wirklich so kommt, bleibt abzuwarten.

Trotz allem: Danke Bafög-Amt!

Ich weiß, das klingt jetzt komisch nach allem, was ich gerade geschrieben habe. Aber wenn ich heute zurückschaue auf die Rennerei zwischen drei Geldautomaten, auf die Antragsformulare, die ernüchternden Kontoauszüge und die Warterei auf Bescheide, dann überwiegt am Ende doch die Dankbarkeit.

Bafög hat mir irgendwie doch eine der besten Zeiten meines Lebens ermöglicht. Bafög hat mich auf jeden Fall eine Menge Nerven gekostet, aber es hat mir ermöglicht, Soziologie in Gießen zu studieren, meine erste eigene Wohnung zu beziehen, das ein oder andere Getränk in der Bierbörse zu trinken und herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen will. Das ist auf jeden Fall Grund genug, um dankbar zu sein.

Gleichzeitig bin ich – und ich sage das als ein Mensch, der seine Miete heute pünktlich überweist – so unbeschreiblich froh, dass ich nicht mehr darauf angewiesen bin. Ich muss nicht mehr jedes Jahr dieses unangenehme Kribbeln im Bauch haben, weil ich auf einen Bafög-Bescheid warte. Ich muss nicht mehr jegliche Kontobewegungen offenlegen. Und ich muss nicht mehr drei Minuten vor Feierabend zur Hausverwaltung rennen, sondern kann meinen Vermietern ohne Kopfschmerzen vom Balkon aus winken, weil ich keine Mietschulden hab.

Bafög ist für viele Menschen ein treuer und wichtiger Begleiter, der zwar oft unzuverlässig ist, aber einem auf dem wackeligen Weg des Studiums doch meist unterstützend zur Seite steht. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass dieses System optimiert wird und für kommende Generationen besser funktioniert, damit die Sprints zwischen Bankautomaten irgendwann wirklich Geschichte sind.


Chrissy Kalla
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