Es ist wieder soweit: in Deutschlands Gärten riecht es wieder regelmäßig nach Grillkohle und Sonnencreme, in den Supermärkten finden wir Freistoß-Sahne (wtf?) und Wiener Würstchen in Form von kleinen Fußbällen und auf Instagram folgt ein „Deko-Tipp“ dem nächsten. Spätestens wenn der Patriotismus wieder an jedem Fenster und VW Golf zu erkennen ist, weiß man: Die Fußball-WM steht vor der Tür. In diesem Beitrag verraten wir dir ein paar Alternativen zur WM und ein paar unbequeme Zahlen, die du kennen solltest.
Vor 20 Jahren hatten wir durch die WM in Deutschland schon mal ein „Sommermärchen“. Und das war keine Phrase, sondern ein echtes Gefühl: Sonnenschein, Fanmeilen, Menschen aus aller Welt, die friedlich nebeneinander standen und Tore feierten. Auch dieses Jahr soll die WM wieder groß werden, nur diesmal nicht in Deutschland, sondern in den USA, Mexiko und Kanada. Die FIFA verspricht sich vom 11. Juni bis 19. Juli rund 6,5 Millionen Fans in den Stadien und Rekordeinnahmen von 11 Milliarden US-Dollar. Das wären umgerechnet ungefähr 282 Millionen subzeroes-Abos – nicht schlecht!
Bei 1-23 Bier und pflanzlichen Steaks vom Grill ein bisschen Fußball glotzen klingt erstmal ziemlich traumhaft. Wäre da nicht das kleine Problem, dass die Realität draußen vor dem Stadion eine ganz andere ist. Wir präsentieren dir nun also ein paar gute Gründe, nach Alternativen zur WM zu suchen.
Der Elefant im Raum (oder: Warum wir über Alternativen zur WM 2026 reden)
Lass uns kurz ernst sein, bevor wir wieder witzig werden – versprochen, das dauert nicht lang.
Amnesty International hat sich die Umstände der WM vor dem Anpfiff am 11. Juni 2026 genauer angeschaut. Das Ergebnis ist ein Bericht, den man besser nicht vor dem Frühstück liest. Denn die WM findet inmitten einer akuten Menschenrechtskrise statt, die Fans, Spieler, Journalist:innen, Arbeiter:innen und lokale Communities bedroht. Amnesty nennt ein paar Zahlen, die man sich vielleicht vor dem Start der WM einmal zu Gemüte führen sollte:

Drei Viertel aller Spiele finden in den USA statt. Also in einem Land, in dem Menschen von ICE und CBP ohne Haftbefehl auf offener Straße, in der Nähe von Schulen und Kirchen verhaftet werden. Der Direktor der Einwanderungsbehörde ICE hat übrigens auch schon angekündigt, dass seine Behörde „ein wichtiger Teil des Sicherheitsapparats für die Weltmeisterschaft“ sein wird. Fans aus Senegal, Iran, Haiti und der Elfenbeinküste, also aus vier der für die WM qualifizierten Nationen, können ihre Mannschaften in den USA nicht anfeuern, weil ihnen die Einreise nicht gestattet ist. Sollte man es trotzdem wagen, hat man auf jeden Fall fantastische Aussichten: Fußball und Deportationen, vereint unter einem Dach…
Brauchst du noch mehr Gründe, warum wir nach Alternativen zur WM suchen sollten? Kein Problem, wir haben da noch was auf Lager:
Da wäre dann noch Mexiko, wo in einem Umkreis von nur 16 Kilometern um das Estadio Akron in Guadalajara Massengräber mit mindestens 500 Leichen entdeckt wurden. Das ist der harte Kontrast dieser WM: Auf der einen Seite haben wir Lichtshows, bewegende Hymnen und riesige Sponsorenflächen, auf der anderen Seite gibt es Familien, die ihre Kinder, Partner:innen oder Eltern suchen.
Kanada steht bei der WM 2026 irgendwie weniger im Fokus. Vielleicht, weil das Land im Vergleich zu den USA und Mexiko immer wie der freundliche, mit Ahornsirup bekleckerte Cousin rüber kommt. Aber auch Kanada hat einige Risiken zu Bieten, zum Beispiel Wohnungslosigkeit, Protesteinschränkungen, Migrationspolitik oder Überwachung. Die „Keep Toronto Beautiful initiative“ klingt super, bis das bedeutet, dass arme oder wohnungslose Menschen aus dem Stadtbild verschwinden müssen-
Für Menschen aus der LGBTQI+-Community könnte die WM auch spannend werden. Auch, wenn es laut FIFA eine besonders inklusive Weltmeisterschaft werden sollte, haben Queere Fanorganisationen wie Three Lions Pride oder der Queer Football Fanclub jetzt schon angekündigt, bei Spielen in den USA nicht sichtbar aufzutreten. Auch wurde sogar ganz von Reisen in die WM-Länder abgeraten, weil es viele Gründe zur Sorgen um die Sicherheit von LGBTQI+ Personen gibt.
Der Fußball gehört diesen Menschen – nicht den Regierungen, Sponsoren oder der FIFA – und ihre Rechte müssen im Mittelpunkt des Turniers stehen.
Steve Cockburn, Amnesty International
Oh, und wer zur WM in die USA einreist und zwar keinen Migrationshintergrund hat und auch nicht gay ist, dafür aber schon mal einen kritischen Posts über Trump oder die USA auf Instagram veröffentlicht hat, darf damit rechnen, dass sein Profil auf „antiamerikanische Äußerungen“ gescannt wird. Und was dann passiert, kann man sich ja vorstellen.
Wir könnten jetzt noch weitermachen mit den Menschenrechtsverletzungen, die uns zu der Suche nach Alternativen zur WM geführt haben, aber wir wollen ja eigentlich Optimismus verbreiten. Also machen wir das auch! Die FIFA hat Stadien, Sponsoren und Militärschutz, dafür haben wir Parks, Küchen, Seen, Bolzplätze, Fahrräder, Freund:innen und ziemlich gute Ideen.
Alternativen zur WM 2026: Was du diesen Sommer tun kannst
Ein eigenes Bolzplatzturnier organisieren
Schnapp dir Freund:innen, Nachbar:innen, Mitstudierende oder Kolleg:innen und organisiert ein kleines Turnier auf dem gammligen Bolzplatz um die Ecke. Teams werden ausgelost, Regeln demokratisch beschlossen, Schiedsrichter:innen rotieren. Als eine der Alternativen zur WM ist das wahrscheinlich sogar näher am echten Fußball als alles, was in riesigen Stadien mit Sponsorenflächen passiert.
Einen Balkon-Gemüsegarten anlegen
Wie wärs mit Tomaten? Oder einer schnuckligen Zucchinipflanze, die dann bis Ende August alle 12 Stunden eine Frucht in der Größe eines Unterarms produziert und dich verzweifeln lässt, weil du so viele Zucchinis im Leben nicht essen kannst? Gärtnern ist nachweislich gut für die mentale Gesundheit, gibt dir das Gefühl von Kontrolle in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und kostet deutlich weniger als ein WM-Ticket.
Ein Public Viewing ohne Fußball veranstalten
Lade Freund:innen ein, stell eine Leinwand auf und zeig alles außer Fußball, zum Beispiel einen guten Film, alte Fotos, eine Doku über Menschenrechte oder das wildeste YouTube Video aller Zeiten. Dazu gibt es Snacks und kalte Spaßgetränke!
Das Buch lesen, das seit zwei Jahren auf dich wartet
Du weißt welches. Es guckt dich jeden Abend von deinem Nachttisch aus an. Es wartet auf dich und es hofft, dass dieser Sommer seine große Chance ist. Bonuspunkte gibt’s, wenn der Inhalt irgendetwas mit Menschenrechten zu tun hat – das passt gut zur WM-Stimmung.
Auf ein Konzert einer Newcomer-Band gehen
Während das WM-Finale im MetLife Stadium vor 80.000 Menschen über die Bühne geht, spielt vielleicht eine kleine, unbekannte Band in einem Club in deiner Stadt vor 30 Leuten ein Konzert, das du niemals vergessen wirst. Das willst du doch nicht verpassen, oder?
Diese eine Fahrradtour machen, für die du bisher „keine Zeit“ hattest
Die WM dauert Wochen, eine Fahrradtour nur ein paar Stunden. Du hast also reichlich Gelegenheit, endlich mal den Radweg entlang des Flusses auszuprobieren, vom dem alle reden. Bonus: Du kommst zurück mit echtem Muskelkater statt einem Sofa-Druckstellen-Muster auf dem Rücken.
Beim lokalen Amateurfußball anfeuern
Wer Alternativen zur WM sucht und trotzdem Fußball schauen will, muss dafür nicht zwangsläufig ein Milliarden-Turnier einschalten. Man kann auch einfach dahin gehen, wo Fußball nach Gras, modrigem Vereinsheim, nassen Stutzen und Pommes riecht: zum Beispiel zu einem Spiel des Hobbyvereins „Die flinken Schluckspechte e.V.“ aus dem Nachbarort.
Etwas kochen, das du noch nicht kennst
Wie wär’s mit Alloco, Diri Kole Ak Pwa, Galayet Bandora, oder Cocadas? Die verschiedenen WM-Länder liefern eine Menge Inspiration für Rezepte, von denen du wahrscheinlich noch nie gehört hast. So wird aus dem WM-Spielplan wenigstens ein Menüplan.
Eine Amnesty International Petition unterschreiben
Wer nach all diesen Fakten das Gefühl hat, irgendwas tun zu wollen: Amnesty hat eine laufende Petition zur WM 2026 und fordert verbindliche Menschenrechtsgarantien. Dauert zwei Minuten und kostet nichts. Unter allen Alternativen zur WM 2026 ist das wahrscheinlich die mit dem geringsten Aufwand.
Einfach draußen sein und nichts tun
Der deutsche Sommer ist kurz und launisch, und er wartet nicht auf die Verlängerung. Du brauchst kein 11-Milliarden-Dollar-Turnier, keinen Haupt-Ölsponsor und kein 32.970-Dollar-Finalticket, um einen guten Sommer zu haben. Eine Decke, irgendwas zum Trinken, jemanden, den du magst, oder absolute Stille. Mach dir den Sommer so, wie er dir gefällt. Wichtig dabei ist nur, dass du dabei bestenfalls keine Menschenrechte verletzt hihi
Die besten Alternativen zur WM 2026 brauchen kein Stadion
Am Ende muss niemand den perfekten moralischen Sommer hinlegen. Du musst nicht ab morgen dein Handy in den See werfen, ausschließlich Zucchini aus Eigenanbau essen und jedes Fußballtrikot feierlich kompostieren.
Aber du darfst dich fragen, wem du deine Aufmerksamkeit, deine Zeit und vielleicht auch dein Geld gibst.
Vielleicht ist das eigentliche Sommermärchen 2026 ja nicht das, das uns die FIFA mit Feuerwerk, Pathos und Sponsor:innenlogos verkaufen will. Vielleicht ist es kleiner, ehrlicher und deutlich günstiger.
Es passiert auf Picknickdecken, in Freibädern, auf Bolzplätzen, in Küchen, auf Fahrrädern, bei Konzerten, in Gesprächen und überall dort, wo Menschen zusammenkommen, ohne dass dafür jemand verdrängt, überwacht oder entrechtet werden muss.
Also: Grill an, Playlist auf laut, Petition unterschreiben, Zucchini ernten, Freund:innen einladen, rausgehen.
Die besten Alternativen zur WM 2026 brauchen kein Stadion. Der Sommer gehört nicht der FIFA. Der Sommer gehört uns.




