Wir haben’s getan: wir haben für das Aufschlauen von Jugendlichen in Sachen Medienkompetenz extra ein Unternehmen gegründet. Ich weiß nicht, ob ihr’s wusstet: wir sind seit Januar als gemeinnützige subzeroes gGmbH mit unserem subzeroes EDU-Projekt an Schulen unterwegs.
Für alle, die sich wundern, warum das Not tut, weil der 12-jährige Neffe scheinbar völlig problemlos einen TikTok-Kanal gestartet und schon 140 Follower hat: Der Umgang mit Social Media ist nicht Medienkompetenz. Das sollte jeder hinbekommen. Genauso wie Fernsehsender umschalten, Podcast hören oder Jutta aus der 12. Klasse in Facebook zum 60. Geburtstag gratulieren.
Also was ist denn jetzt Medienkompetenz?
Am besten starten wir mit einer Definition und füllen die mit Bildern und Geschichten aus dem Alltag mit Leben. Los geht’s …
Medienkompetenz bedeutet, Geschäftsmodelle, Plattformen und Ökosysteme zu durchschauen, sich darin selbstbestimmt zu orientieren, Informationen einordnen zu können, Perspektiven zu verstehen – und selbst Medien zu gestalten: mit eigener Stimme, journalistischer Sorgfalt und demokratischer Verantwortung.
Das kommt jetzt direkt von der subzeroes EDU Website und ist die Weiterentwicklung der Medienkompetenzdefinition von Dieter Baake auf Basis aktueller Ansätze.
Klingt natürlich ein bisschen akademisch, also hier die Version für den Alltagsgebrauch: Medien verstehen, durchschauen, gestalten.
Oder noch pragmatischer: Wer sagt was – und warum?*
*Die Frage nach dem Warum erklärt einem die Welt am besten, macht einen aber auch schnell zum unbeliebtesten Gast bei Geburtstagspartys und zur nervigsten Person in Strategiemeetings. Just sayin’ …
Es gilt also, die Hintergründe der Informationen, die wir aufnehmen, zu verstehen. Was will uns der Berichtende sagen? Warum sagt er das? Was will er damit erreichen?
Jedes Mal, wenn man sich solche Fragen stellt, läuft eine Fake News- oder Desinformationskampagne ins Leere. Und das zu erreichen ist unser Ziel.
Hier jetzt die beliebten Beispiele aus dem Alltag.
#1 – Klassische Medien sind auch Medien!
What? Du dachtest, wir wollen hier vor Social Media warnen, und jetzt so etwas? Keine Sorge, das kommt noch. Aber die erste Kröte, die es zu schlucken gibt, ist diese: Jedes Medium hat ein bestimmtes Geschmäckle.
Auch unsere beliebte Tageszeitung.
Das ist so lange kein Problem, solange sich alle im demokratischen Teil des Pools bewegen. Ein bisschen weiter links, ein bisschen konservativ, ein bisschen liberal – alles gute, vertretbare Standpunkte in einer Demokratie.
Selbst ein Boulevardblatt, das gerne ein bisschen populistisch hart rechts am Wind segelt, lässt sich aushalten. Solange man weiß, was von den steilen Thesen zu halten ist, und wo sie herkommen.
Aber hier fängt das Problem schon an: Als Stimme des Volkes verlassen sich diese Art von Medien darauf, dass das Volk eben keine Ahnung von ihren Absichten hat, sich aber gut verstanden fühlt.
Hier hätte es also schon seit den 1950er Jahren Medienkompetenzschulungen gebraucht!

#1a – Auch das sympathische Lieblingsmedium möchte überleben: Vorsicht Clickbait!
Das ist eine der wichtigsten und traurigsten Lehren aus dem Niedergang der US-Demokratie: Obwohl der republikanernahe Sender Fox News ganz offen als Trump-Sprachrohr und Propagandamaschine diente, muss man leider die eher demokratisch sympathisierenden Sender als Schuldige benennen. Anstatt die Gefahr zu erkennen und eine Strategie auszuarbeiten, bemerkte man wachsende Zuschauerzahlen, sobald man über eine aufsehenerregende Aktion des Kandidaten berichtete. Also wurde die Berichterstattung zur programmfüllenden 24/7-Aufgabe. Mit dem Ergebnis, vor dem Psychologen immer gewarnt haben: Grenzwähler waren zunehmend genervt von den selbstherrlichen Moralaposteln und schlugen sich auf die Seite des „Medienopfers“. Nicht alle, aber gerade so viele, dass es ganz knapp zum Wahlsieg reichte.
#2 – Vorsicht: Der authentisch-dilettantische Influencer ist ein Medienunternehmer!
Klingt komisch, aber kaum jemand stellt Influencer in Frage. Inzwischen zum gigantischen Werbe-Tool geworden, geben Influencer ihren Buddies pro Tag mehr „Tipps“ und „Empfehlungen“, als es die Industrie in den letzten 40 Jahren mit massenweise Kohle in klassischen Medien geschafft hat.
Also schauen wir mal und stellen ein paar Fragen.

#2a – Auto Influencer
Kennt ihr Jens1 und Steffi2? Sie sind Auto-Verrückte – zumindest seit es als Mediengestalter nicht mehr so prall lief. Da lag eine GoPro im Büro rum, Steffi ist ein bisschen zeigefreudig und Jens hat eine große Klappe. Die beiden hatten kein sinnvolles Fachwissen, keine verwertbaren Hobbys, aber einen Führerschein. Da lässt sich doch was draus machen!
Schnell hatte man sich mit Hilfe eines YouTube Videos drei universelle Presenter-Gesten draufgeschafft. Eine für „da ist vorne“, eine für „der ist sooo groß“ – jeweils mit beiden Händen – und der immer gern genommene Zeigefinger für „Die Felgen“, „Der Klavierlack“ und „Lass uns einen Like da“.
Die immergleiche Struktur macht es der doomscrollenden Community leicht, sich zu Hause zu fühlen, und los geht’s: Wackelkamerabilder vom stehenden Auto von allen Seiten, auswendig gelernte technische Daten abspulen (die Gesten müsst ihr euch jeweils dazu denken) und dann wechselweise beim Fahren und simultan reden gefilmt werden.
Auch hier hält man es gerne einfach.
Er: „Der geht gut.“
Sie: „Gefällt mir, wie gut der geht.“
Er: „Wow, wie der abgeht …“.
Sie: „Ziemlich gut, ey …“
Ab hier sollte man sich mal fragen, was der Nonsens soll und wer hier was und warum macht und sagt.
Also der Reihe nach: Die beiden sind Medienunternehmer. Der Autohersteller ist der Auftraggeber, lädt die beiden ein (Barcelona, Portugal etc.), bezahlt mittags ein Sandwich und vielleicht, je nach Bekanntheit, ein kleines Taschengeld – und die beiden dürfen zusammen mit anderen YouTubern ein bisschen mit den neuen Autos fahren. Kein schlechter Job. Als Gegenleistung müssen sie lediglich ein Video veröffentlichen.
Hier wird wirklich Wert auf ausgewogene Berichterstattung gelegt und ein echter, ehrlicher Testbericht für die Zuschauer:innen geliefert.
War nur Spaß!
In echt sind die beiden 100 % von der Gnade der Hersteller abhängig. Bei Kritik wird man einfach nicht mehr zu solchen Veranstaltungen eingeladen und damit wäre die Existenzgrundlage zerstört.
Wartet da jetzt noch irgendjemand auf solide, ehrliche Informationen und Bewertungen?
#2b – Aber Moment mal: Das gab’s doch früher auch schon?
Auto Motor Sport wurde doch auch in den Süden eingeladen, um Autos zu fahren?
Stimmt. Mit einem entscheidenden Unterschied im Geschäftsmodell: Die leben nicht nur von den Zuwendungen der Hersteller, sondern auch von Anzeigen anderer Firmen – und haben Abonnent:innen und am Kiosk verkaufte Exemplare. Eine Mischkalkulation also, die eine Abhängigkeit von einem Hersteller zwar unterschwellig möglich, aber doch ziemlich unwahrscheinlich macht. Auch weil man als Journalist und seriöser Verlag nicht in Verruf geraten darf. Wer kann sich noch erinnern an Bekenntnisse unter Artikeln oder Videos: Der Autor reiste auf Einladung des Herstellers. Lang ist es her. Inzwischen muss man Leute mit vorgehaltener EU-Verordnung dazu zwingen, Videos als Werbung kenntlich zu machen.
Hier wird klar, dass Medienkompetenz mit der Kenntnis des Geschäftsmodells anfängt. Und nicht mit den netten und freundlichen Gesichtern der YouTube-Verkäufer. Influencer sind nämlich nichts anderes.

#3 – Aber mein Influencer ist echt engagiert und bemüht, und der testet gar keine Autos!
Es gibt natürlich noch andere Geschäftsmodelle. Gucken wir mal unter diesem Aspekt, was dein Lieblings-Influencer wohl bezweckt.
#3a – Dürfen wir vorstellen: der „Doom-Fluencer“
Er (oder sie) bemüht sich um die Rettung der Welt, warnt laut und immer mit dem Gesicht in der Kamera vor Dingen, die uns bedrohen: Klima, Industrie, Böhmermann – ganz egal, Hauptsache, es macht Angst. Das ist hier der Treiber für Klickzahlen.
Aber warum ist das schlimm, der will doch nur helfen?
Ja genau, ist ja auch nicht schlimm. Aber er ist zum Beispiel deshalb aktiv, weil eine große Community seinen Marktwert als Speaker nach oben treibt. Oder den Absatz seiner Bücher. Oder weil er in Fernseh-Talkshows eingeladen wird, was wieder die Klickzahlen hochtreibt und den Marktpreis als Speaker … okay, ihr habt verstanden, oder?
#3b – der „Back-Fluencer“*
Das sind natürlich alles keine Katastrophen. Solange man Spaß hat und versteht, dass es bei Sichtbarkeit um Geld geht, ist das kein Problem. Auch dass man als Social Media Nutzer selbst das Produkt ist – beziehungsweise die Zeit, die man vor dem Bildschirm hockt – sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.
Kann man so sehen wie beim Bäcker, wo euch die Frau hinter der Theke mit den Worten „Was darf’s denn sein?“ ganz ehrlich versucht, etwas zu verkaufen. Bingo, deshalb seid ihr ja da.
*Du hast doch auch zuerst Bäck-Fluencer gelesen, stimmt’s? Erwartung ist Framing!
Ein bisschen problematischer ist es, dass man in Social Media nicht unbedingt mit Kaufabsicht herumscrollt, sondern wegen Langeweile, beginnender Sucht, Dopamin – wir wissen Bescheid. Das ist auch mit ein Grund, warum Werbung dort die User gerne verärgert: Man fühlt sich gestört. Dass dieser Reflex bei Biggi3, Nele4 und Jan5 nicht einsetzt, liegt daran, weil man es nicht unbedingt als Werbung versteht, sondern als Dienstleistung. Außerdem sind die cool oder nett oder lustig – oder alles zusammen.

#4 – Fake News
Hier wird es tricky. Noch ein paar Wochen Training der KIs, und man kann gefälschte Videos gar nicht mehr von echten unterscheiden.
Alte Tricks funktionieren schon lange nicht mehr, also bleibt nur eine sichere Sache: Misstrauen, penibler Fakten- und Quellencheck:
- Teil 1: Nichts glauben, solange ihr nicht die Quelle gecheckt und für seriös befunden habt.
- Teil 2: Nicht reposten oder weiterleiten, bis ihr die Quelle gecheckt und für seriös befunden habt.
Klingt selbstverständlich, aber die meisten Fake News werden tatsächlich von Bekannten in eure Timeline gekippt.
Fazit
Das war jetzt mal eine kleine, bewusst etwas boshafte Einführung in die Medienkompetenz. Zum Wachrütteln. Wir gucken natürlich gerne weiter Autotests. Das solltet ihr auch tun und genießen, aber zur richtigen Zeit auch mal darüber nachdenken, was dahintersteckt. Autotests, Kochshows, Fitness-Influencer: alles grundsätzlich positiv. Influencer, die sich um den Planeten bemühen? Sogar sehr positiv. Dass ihr versteht, dass es auch immer um Followerzahlen und damit um Marktwert geht, schmälert deren Leistung und Wichtigkeit nicht, btw.
Vorschau
Um den verkappten Politik-Influencer, der treudoof oder auch absichtlich Propaganda in die Welt weiterleitet, kümmern wir uns später. Hier wird es nämlich komplizierter: Es kann ja auch ein gutgläubiger Kollege sein, und da kann man mit einem klärenden Gespräch meistens mehr erreichen als mit der voreiligen Verurteilung.
Keine Gnade übrigens für Propagandaschleudern, die sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen in die Timeline von Kindern und Jugendlichen schleichen. Doch, gibt es. Und gar nicht so selten. Hier entstehen die wirklich großen Probleme für Eltern. Als Außenstehender lässt sich kaum erkennen, welcher tolle Buddy nach 20 harmlosen Posts über Dinge, die Jugendliche cool finden, eine hetzende Falschaussage losschickt.
Auch das „Machen“ im Medienkompetenz-Konzept kommt noch. Der wichtigste Teil unserer Projekte mit Schüler:innen lässt sich aber per Artikel schwer vermitteln.
Bis dahin, denkt daran: Wer sagt was und warum? Was hat er davon? Ist die Quelle verlässlich? Wen zitiert er?
Ach ja: zu jeder Aussage zwei Quellen suchen, auch wenn die erste schon scheinbar verlässlich ist. Ihr erinnert euch, dass deutsche Medien zu Trumps Wahlsieg in den ersten Tagen auch von einem „Erdrutschsieg“ redeten? Ganz schön peinlich, wenn man im Nachhinein die echte, hauchdünne Mehrheit sieht und merkt: Die haben ohne zu checken amerikanische Nachrichtensender nachgeplappert!
Zu dem Thema ist das letzte Wort noch nicht geschrieben. Bis demnächst.




