Clipse, ein Hip-Hop-Duo aus Virginia, besteht aus den Brüdern Gene „Malice“ und Terrence „Pusha T“ Thornton. Seit 1992 machen die beiden gemeinsam Musik, ihr erstes Album Lord Willin’ erschien allerdings erst zehn Jahre später, 2002. Die Zusammenarbeit mit den Neptunes, dem Produktionsduo Pharrell Williams und Chad Hugo, prägte ihre Karriere maßgeblich. 2003 stammten immerhin rund 43 % aller Songs, die im US-Radio gespielt wurden, von den Neptunes. Besonders das Album Hell Hath No Fury von 2006, erneut von den Neptunes produziert, gilt als Meilenstein des modernen Hip-Hop.
Bislang waren Clipse vor allem für Songs bekannt, in denen sie ihre Vergangenheit im Drogenhandel thematisierten. Mit The Birds Don’t Sing, dem Titelsong ihres neuen Albums Let God Sort Em Out, schlagen die Brüder jedoch eine völlig andere Richtung ein. Es ist das erste gemeinsame Projekt seit 2009 und dennoch klingt es im ersten Song nicht nach einem Comeback im klassischen Sinn. Stattdessen zeigen sich Pusha T und Malice weiterentwickelt, reifer, mit einer Story und Emotionen, die sie endlich loswerden müssen.
Remember those who lost their mothers and fathers
And make sure that every single moment that you have with them
You show them love
Mit „The Birds Don’t Sing“ liefert das US-Hip-Hop-Duo Clipse einen der emotionalsten Songs des Jahres 2025.
Der Track, produziert von Pharrell Williams und begleitet von John Legend sowie Stevie Wonder, markiert nicht nur das Comeback der Brüder, sondern setzt ein starkes Zeichen für introspektiven Rap und musikalische Tiefe.
Die Produktion von Pharrell Williams ist gewohnt sauber, gleichzeitig detailverliebt und aufwendig. Man merkt, dass sie sich Zeit genommen haben, bis jedes Element perfekt saß. Der Song selbst ist anders deep: Bei ihrem NPR Tiny Desk Konzert stellten die Brüder The Birds Don’t Sing so vor:
Pusha T: „This is a tribute to our parents who passed away four months apart. Uh, so when you listen to the verse, you’re hearin‘ me have (…) my last conversation with our mother.“
Malice: „And on my verse, it was, uh, the last conversation I had with my dad. So, you know, we documented it, put it down and you’re gettin‘ an accurate depiction of what we said.“
Pusha T erklärt, dass der Song eine Hommage an ihre Eltern ist, die innerhalb von vier Monaten gestorben sind, und dass man in seinem Vers die letzte Unterhaltung mit ihrer Mutter hört. Malice ergänzt, dass sein Vers die letzte Unterhaltung mit ihrem Vater dokumentiert. Es ist ein authentischer Song, ohne Filter.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Song Credits von Stevie Wonder enthält. Anders als üblich bei Hip-Hop-Samples handelt es sich hierbei jedoch nicht um ein altes Lied, sondern um eine eigens von Stevie Wonder für diesen Song eingespielte Komposition. Der Refrain wird von John Legend gesungen und bezieht sich auf ein Zitat des deutschen Regisseurs Werner Herzog: „The birds don’t sing, they screech in pain.“
In The Birds Don’t Sing zeigen sich die Brüder verletzlich und roh. Sie verarbeiten den Schock über den Verlust ihrer Eltern in einem extrem kurzen Zeitraum. Statt sich abzuschotten, wollen sie „alles fühlen“ und lassen die Zuhörer daran teilhaben. Es ist wahrscheinlich der introspektivste Song in ihrem gesamten Katalog. Man fühlt sich fast wie ein Eindringling, wenn Malice beschreibt, wie er ein letztes Mal an der Tür seines Vaters klopft, der zu Hause sein müsste – aber niemand öffnet.
Dieser Track ist kein Feel-Good-Song für Dauerschleifen. Er ist tief, nachdenklich und intensiv. Eine emotionale Erfahrung, die aktuell vielleicht genau das Richtige ist, um einmal etwas anderes als „Hitze“ zu fühlen. Wem der Track trotzdem zu viel ist, der kann sich danach problemlos durch die restlichen zwölf Songs des Albums hören, es könnte sich lohnen.