Medienhygiene für alle – Warum das Social Media Verbot aus Australien auch uns wachrütteln sollte

von | Dez. 12, 2025

Surreale Szene: Menschen mit alten Fernsehgeräten als Köpfen knien vor einer schwebenden Figur mit TV-Kopf und Heiligenschein – eine symbolische Darstellung dafür, wie unreflektierter Medienkonsum und fehlende Medienhygiene zu einer Art „Medienkult“ führen können.

Australien macht Ernst

Am 10. Dezember 2025 ist in Australien das neue Gesetz zur Altersgrenze für Social Media in Kraft getreten: Personen unter 16 Jahren dürfen künftig keine eigenen Konten mehr auf Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat, YouTube und Co. besitzen. Klingt erstmal dramatisch, könnte aber in verschiedenen Lebensbereichen zur Verbesserung führen – insbesondere, wenn es um eine bewusstere Medienhygiene geht.

Der Gedanke dahinter: Die Regierung will junge Menschen besser vor den negativen Folgen exzessiver Social-Media-Nutzung schützen. So sollen Cybermobbing, Online-Druck, Suchtpotenzial, bewusste oder unbewusste Überforderung eine weniger präsente Rolle im Leben der Kinder und Jugendlichen spielen.  

Ob man solche Maßnahmen eins zu eins auf Deutschland oder Europa übertragen will oder kann, das darf diskutiert werden. Doch unabhängig davon lohnt es sich, den Schritt in Down Under als Inspiration zu verstehen:

Wenn schon Minderjährige der digitalen Dauerbeschallung entzogen werden sollen, warum sollten Erwachsene nicht auch ihre Mediengewohnheiten reflektieren?

Kritischer Blick auf Social Media und Algorithmen

Es lohnt sich, Social‑Media‑Plattformen generell kritisch zu betrachten – und zwar nicht nur aus Sicht der Nutzungsdauer, sondern auch wegen der Algorithmus‑Strukturen selbst. Systeme wie TikTok, Instagram, YouTube oder Snapchat arbeiten mit Empfehlungs‑ und Personalisierungsalgorithmen, die Inhalte nicht neutral zeigen, sondern auf Basis von Interaktionen, Vorlieben und Verweildauer auswählen. Das kann dazu führen, dass Nutzer*innen immer wieder ähnliche Inhalte sehen und tiefer in bestimmte Informationslinen eintauchen. In der Forschung wird das als „Rabbit‑Hole‑Effekt“ beschrieben, weil wir immer tiefer in den Kaninchenbau abstürzen, nur leider ohne kleine süße Tiere, die uns auf diesem Höllentrip begleiten.

Die zugrunde liegende Dynamik funktioniert so: Wenn jemand ein Thema anklickt, schlagen Algorithmen automatisch weitere Inhalte vor, die ähnlich sind. Dieser algorithmische Selektionsmechanismus bindet unsere inzwischen doch relativ kurze Aufmerksamkeit und führt im Extremfall zu einer immer stärkeren Fokussierung auf bestimmte Themen – unabhängig davon, wie ausgeglichen oder faktenbasiert sie sind. Das kann nicht nur zu starker Meinungsverengung und Filterblasen führen, sondern auch zu sozialer Abgrenzung, wenn alternative Perspektiven kaum noch sichtbar werden.  

Psychologisch beschreibt die Rabbithole‑Metapher einen Prozess, bei dem Menschen nicht nur mehr Zeit mit einem Thema verbringen als geplant, sondern sich in einer immer enger werdenden Informationswelt verlieren, die sich weit von einer ausgewogenen Realität entfernen kann.  

Diese algorithmische Funktionsweise ist grundsätzlich nicht demokratisch neutral, weil sie individuelle Vorlieben priorisiert und nicht zwingend vielfältige Informationsangebote fördert. Das zeigt: Bewusste Medienhygiene betrifft nicht nur die Zeit, die wir online verbringen, sondern auch die Art und Weise, wie Inhalte ausgewählt und präsentiert werden.

Medienhygiene ist mehr als ein netter Trend

Der Begriff Medienhygiene bedeutet nicht, das Handy regelmäßig zu desinfizieren, auch wenn das tatsächlich eine empfehlenswerte Routine ist. Vielmehr bedeutet Medienhygiene einen bewussten, reflektierten und gesunden Umgang mit Medien. Unsere digitalen Gewohnheiten sind oft verlockend und rasend schnell, aber auf Dauer ungesund.  

Nachrichten-Fluten, ständiges Scrollen, Konsum ohne Reflexion oder Kontext? All das kann unser Denken, unsere Stimmung und unsere Wahrnehmung nachhaltig beeinflussen. Ein bewusster Medienkonsum kann hingegen dabei helfen, mental gesund zu bleiben, sich nicht von Angst, Überforderung oder Zynismus treiben zu lassen und Platz zu schaffen für Kreativität, echten Austausch und konstruktives Denken.

Wenn man das so liest, fragt man sich fast schon, warum man das ganze Spektakel überhaupt noch mit macht, oder?

Medienmissbrauch trifft alle Altersgruppen

Dass Kinder und Teenager besonders sensibel sind ist klar. Aber auch Erwachsene sind nicht immun gegenüber Überforderungen. Dabei muss die Überforderung nicht durch den Job, fällige Rechnungen oder den Besuch bei der Mutter aufkommen. Oft lautert sie hinter dem Bildschirm unser kleinen Freunde, die uns mit Bits und Pixeln anschreien: Dauer-Push-Nachrichten, Informations-Overload, ständige Vergleichbarkeit, Filterblasen und emotional aufgeladene News – all das kann ziemlich überfordernd und belastend sein.

Gerade wer sich für gesellschaftliche Themen wie Klimawandel, Demokratie oder soziale Gerechtigkeit interessiert, bekommt oft mehr mit, als gut für die Psyche ist. Da kann eine gute Medienhygiene wie eine Superkraft wirken: Sie lässt uns auswählen, was wir aufnehmen, anstatt uns einfach von der Masse an Eindrücken überwältigen zu lassen.

Hinzu kommt: Reflexion stärkt unsere Rechte als Nutzer*innen. Wir behalten Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit, unsere Emotionen, unsere Zeit und damit über unser Leben. Also werfen wir mal einen Blick auf die Dinge, die uns eine gute Medienhygiene ermöglichen.

Wie Medienhygiene für Erwachsene aussehen kann

Hier ein paar Denk- und Handlungsimpulse:

  • Schnelle Inhalte bewusst meiden: Statt hektischem Scrollen gezielt Inhalte auswählen, Hintergründe lesen, auf Qualität und Perspektive achten.
  • Digitale Auszeiten einplanen: Push-Benachrichtigungen limitieren, und Offline-Phasen definieren (z. B. morgens nach dem Aufstehen oder abends vor dem Schlafen)
  • Reflektieren, wie Medien wirken: 1–2 Mal pro Woche innehalten und fragen: Wie fühle ich mich nach dem Konsum? Was hat der Inhalt mit mir gemacht?
  • Informationsquellen diversifizieren: Nicht nur auf eine Plattform oder Meinungssphäre verlassen. Verschiedene Perspektiven einholen und kritisch bleiben.
  • Echte Begegnung suchen: Diskussionen, Gespräche, Austausch im echten Leben sind wichtig. Egal ob analog oder digital, hauptsache mit bewusster Aufmerksamkeit.
  • Medien-Gestaltung selbst übernehmen: Deine Online-Zeit aktiv steuern, nicht aus Gewohnheit handeln, Apps limitieren, bewusste Formate oder Inhalte wählen, Rückzug zulassen.

Medienhygiene ist eine Entscheidung für Selbstbestimmung, Klarheit und mentale Gesundheit. Vor allem in einer Zeit, in der Informationen nicht nur Wissen, sondern auch Druck erzeugen können.

Wenn wir als Erwachsene lernen, bewusst mit digitalen Medien umzugehen, können wir nicht nur unsere eigene Lebensqualität verbessern, sondern auch auch andere inspirieren: Freund*innen, Familie, Studierende, Kolleg*innen. Vielleicht beginnt so eine Welle von Medienbewusstsein mit positiven Folgen für unser Zusammenleben.


Chrissy Kalla

Das neue subzeroes ist da!

Ab sofort im Shop erhältlich.

Weitere Artikel