Warum du unsere Demokratie rettest, wenn du ab und zu deine Social Media-Bubble verlässt
Keine Sorge, ich weiß: Karneval – und/oder Fasching – ist eine todernste Sache und sowohl im echten Leben als auch auf Social Media eine große Nummer. Also, liebe Frankfurter, probiert das Späßchen aus der Headline nicht aus, falls ihr nächstes Jahr den Kölner Rosenmontagszug besucht. Ansonsten: „Warum ist es im Rhein so schön“ ist ein Song, der angeblich von witzigen Hessen handelt …
Na gut, das war jetzt ein drastisches Beispiel für Gruppenzugehörigkeit. Aber wir haben die Jahreszeit gerade wieder überstanden, da lag das schon nah.
Während man die närrische Zeit am Aschermittwoch hinter sich lässt, den Kater abschüttelt und weitermacht, gilt für den Rest des Jahres: Deine Bubble ist immer und überall.
Wir und die anderen
Wir Menschen haben seit ewiger Zeit das Bedürfnis, uns in Gruppen mit Gleichgesinnten zusammenzutun. Natürlich aus Sicherheitsgründen, aber auch wegen Orientierung und Selbstwert.
Das „Wir“ verstärkt Identität und reduziert Komplexität. Das ist nicht erst in der modernen Zeit wichtig und beruhigend. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte haben wir uns in Gruppen zusammengefunden. Gruppen, die über die Familienbande hinausgehen.
Und schon immer wurde das von Markierungen begleitet. Branding, quasi. Ob es frühzeitliche Stämme waren oder Völker im Mittelalter. Wir erinnern uns an Braveheart, die Kreuzzüge, alle Landesflaggen signalisieren, wo wir hingehören, Trikots und Vereinsfarben bei Fußballspielen oder der Austausch von Freundschaftsbändern bei Taylor-Swift-Konzerten haben denselben Zweck.
Auf Schulhöfen sind es kleinere Dinge, die Gruppenzugehörigkeit dokumentieren. Häufig Frisuren oder Kleidung, aber genauso Verhalten, Hobbys und Fortbewegungsmittel. Die Markierungen sind manchmal offensichtlich, manchmal subtil und für Außenstehende nicht zu erkennen.
Der Hintergrund ist immer derselbe: Wir fühlen uns wohl in unserer Gruppe, sicher und gut aufgehoben.
Der Aspekt, nicht einem Bären zum Opfer zu fallen oder von wilden Horden aus dem Nachbardorf gemeuchelt zu werden, hat nicht mehr ganz dieselbe Priorität wie in der Steinzeit. Aber wer schon mal auf Schulhöfen unterwegs war, weiß, dass der Einzelgänger auch heute noch Höllenqualen erleiden muss, wenn er am Schulkiosk das uncoole Milchgetränk bestellt.
Social Media – die perfekte Gruppenmaschine
Gruppen sind also prima und tief in unserem Verhalten verankert. Super, dass das Internet – und speziell Social Media – nahezu unendliche Möglichkeiten bietet, sich Gruppen anzuschließen.
Da kann man eigentlich nix vermasseln.
Mark Zuckerberg: „Hold my beer.“
Der Algorithmus
Die Geschäftsidee der Social Media-Plattformen ist es, Menschen zu verbinden. Sagt Mark. Und sich dafür bezahlen zu lassen. Das sagt er dann allerdings schon nicht mehr ganz so laut.
Heute kann man ernüchtert feststellen, dass es nur um Dollars geht. Das Produkt ist die Zeit und die Aufmerksamkeit der User, und es wird von den Betreibern alles dafür getan, diese so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Auch Dinge, die ethisch-moralisch mindestens zweifelhaft, wahrscheinlich aber sogar ein bisschen kriminell sind.
Mindestens wenn Studien zurückgehalten werden, die von Suchtgefahr sprechen, oder Jugendliche mit Depressionspotenzial an Anzeigenkunden weitergereicht werden, müsste eigentlich der Gesetzgeber einschreiten. Da scheint die interne Selbstkontrolle vor der Geldgier zu kapitulieren.
Verschiedene Gerichtsverfahren laufen – sogar in den USA – und wir dürfen gespannt sein, wie die ausgehen. Und uns schon mal darauf vorbereiten, dass es wahrscheinlich genauso skrupellos weitergeht wie bisher. Möglicherweise mit frischen Titeln für interne Arbeitsgruppen und neuen Ausreden.

Warum der Algorithmus Streit liebt
Der zweite saure Apfel ist die Begeisterungsfähigkeit der Algorithmen für Hetze, Hass und Lügen. Auch wenn die Betreiber auf politische Ausgewogenheit und Fairness Wert legen würden – was sie seit ungefähr einem Jahr sogar ganz offen nicht tun –, lautet die Aufgabe an den Algorithmus, die User möglichst lange auf der Plattform zu halten, und das geht am besten mit Engagement. Wer sich aufregt, bleibt länger!
Das bedeutet, dass auch der lahmarschigste Algo nach ein paar Millionen Post-Analysen auf den Trichter kommt, dass Happiness und Konsens schlecht fürs Geschäft sind. Also wird gepusht, was sauer macht, aufregt und was dem einsamen Doomscroller sogar abends um 23.00 Uhr noch richtig Puls macht. Damit er zurückschießt, einen Post ablässt, Streit anzettelt – und um 4.20 Uhr immer noch wutschnaubend vor dem Computer hockt und sich im besten Fall sogar noch eine Familienpackung Nahrungsergänzungsmittel bestellt. Am besten Vitamin D, weil man im Winter in Deutschland immer zu wenig Sonne abkriegt. Nachts, im Wohnzimmer, vor dem Computer.
Man könnte meinen, es sind nicht die Schlauesten, auf die die Beschreibung passt, aber tatsächlich sind wir alle mehr oder weniger machtlos.
Confirmation Bias – wenn links linker und rechts rechter wird
Und jetzt kommt es ganz dicke: Wenn der übererregte Surfer sich nicht gerade auf provozierend falsche Meinungen anderer stürzt, wird er vom Algorithmus in seinem Denken und seinen Vorlieben bestätigt. Ganz genau: Das passiert auf derselben Plattform, in derselben Minute. Jeder Algorithmus – auch der wohlwollende und gut kontrollierte – schubst User mehr oder weniger sanft in den „Confirmation Bias“. Das ist etwas, das genauso gefährlich ist wie Fake News und Hassrede. „Confirmation Bias“ bezeichnet die Neigung, Informationen so zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen und bestätigen.
Etwas volkstümlich auf den Punkt gebracht: Das Linke wird linker und das Rechte wird rechter.
Au weia.
Auf Social Media-Plattformen arbeiten also die beiden schlimmsten Feinde der Demokratie gleichzeitig zusammen: Hass auf die anderen und Bestätigung der eigenen Meinung. Das Ganze noch eskaliert von Fake News, die wie Öl ins Feuer wirken.
Wenn digitale Gräben real werden
Früher blieb man unter sich: Die Studenten-WG und der konservative Stammtisch hatten keine Berührungspunkte. Stachelten sich also auch nicht gegenseitig an.
Jetzt trifft man aufeinander und hetzt sich gegenseitig auf. Jede Social-Media-Sitzung wird zu einer Demo, an der die verschiedenen Lager aufeinandertreffen und die Ordnungskräfte mit den Händen in den Hosentaschen am Straßenrand stehen. Wir erinnern uns: Zuck und Konsorten haben ihre Faktenchecker und Aufpasser nach der letzten US-Wahl abserviert.
Gräben, die durch die Gruppenbildung sowieso schon vorhanden sind, werden tiefer, Kommunikation und Verständnis werden irgendwann unmöglich. Gewaltbereitschaft steigt. Man radikalisiert sich.
Der Riss in der Gesellschaft kommt nicht von Social Media allein. Aber Social Media kam zur falschen Zeit.
Hatte man sich früher beim Familientreffen regelmäßig mit dem angesoffenen Onkel gezofft, weil der die frauen- und ausländerfeindlichen Sprüche nach dem Schnitzel mit Pils und zwei Kurzen immer lauter im Raum verteilte, war man beim Kaffee meistens halbwegs wieder okay miteinander. Heute wird sich entfolgt und nie wieder ein Wort miteinander geredet.
Was wir tun können
Den Algorithmus kann man als User nicht beeinflussen. Stellen wir uns deshalb einfach mal vor, die Plattform wäre politisch ausgewogen, würde in Faktenchecks investieren und Hetze, Hass und Lügen auf ein absolutes Mindestmaß begrenzen wollen – und können.
Jetzt ist es einfach, als User auszubrechen und dabei sogar das eigene Leben interessanter und spannender zu machen. Springt bewusst und regelmäßig über Gräben und schaut euch die andere Seite an. Egal ob bei Politik, Musik, Mode oder Film und Fernsehen.

Rock-Musik-Fan? Je härter, desto besser? Wir empfehlen zwei Stunden pro Woche Enya oder den frühen Bob Dylan. Als Einstieg.
Star-Wars-Fan? Carrie Fisher ist für dich die einzig echte Prinzessin im Universum? Überwinde dich und schau in Star Trek rein.
Du bist echter Trekkie und wenn niemand spitze Ohren hat, bist du raus? Tu dir selbst den Gefallen und lass mal Andor auf dich wirken.
Politisch kannst du das genauso handhaben. Es gibt bestimmt in anderen Parteien als deiner auch Ideen, die du nachvollziehen kannst. Oder Personen, die du sympathisch findest.
Der erste Schritt ist der schwerste.
Es geht nicht darum, das Lager zu wechseln, den Verein oder die Kumpels zu verraten. Es geht darum, den Horizont zu erweitern. Neue Dinge entdecken, die auch Spaß machen können und zu vermeiden, dass man langsam, aber sicher in der eigenen Suppe kocht.
Zu keiner Zeit war die Gefahr so groß, in allen Lebensbereichen Perspektiven zu verlieren und Ignoranz zum Lebensideal zu machen.
Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, haben auch diese Produkte gekauft.
Geniale Verkaufsstrategie, aber lass dich nicht von Algorithmen in so eine langweilige Lebensstrategie pressen.
Menschen, die in Österreich Ski fahren waren, können auch mal Norwegen probieren.
Menschen, die die Nordsee lieben, mögen vielleicht auch Sonnenuntergänge am Gardasee.
Menschen, die sich als Unternehmer mehr Freiheiten vom Staat wünschen, finden vielleicht eine gerechtere Rentenregelung für Niedriglohnempfänger wichtig.
Menschen, die eine eigene Meinung haben, müssen in einer Demokratie auch andere Meinungen aushalten, verstehen wollen und akzeptieren können.
Solange diese anderen Meinungen demokratisch sind und nicht staatsfeindlich.




