Stephen Kings „Brennen muss Salem“ ist ein Klassiker des Vampir-Horrors. Doch kann ein über 50 Jahre alter Roman heute noch richtig gruseln? Unser Tom hat sich nach Jerusalem’s Lot gewagt und festgestellt: Manchmal ist das Unheimlichste nicht das Monster, sondern die Stadt, in der es wohnt.
Anfang Oktober hab ich mich hingesetzt und recherchiert. Ich hatte mal wieder Lust, mich so richtig zu gruseln. Das ist schon länger nicht passiert, zuletzt, als ich Anfang des Jahres Resident Evil gezockt hab, was ein kompletter Stresssimulator war. Nachts mit Kopfhörern Horrorgames spielen ist gar nicht gut für den Blutdruck. Aber rückblickend war das Spiel auch irgendwie … beruhigend? Meine Freunde halten mich für bescheuert, wenn ich das erzähle, aber ich schwöre es:
Cozy Horror ist ein Ding.
Die Anspannung, bevor man sich erschreckt, der Stress, wenn man wegrennt, die kurze Verschnaufpause an einem scheinbar sicheren Ort. Die gesamte Atmosphäre fängt einen ein und lässt einen kaum los. Man ist aufmerksam und geradezu eingetaucht in die Welt. Kein einziges Mal dachte ich daran, nebenbei durch mein Handy zu scrollen. Sich zu gruseln ist eine starke körperliche Reaktion, die ich beim Schauen von generischen Marvel-Filmen (nichts für ungut) einfach nicht bekomme.

Nachdem ich Widow’s Bay gesehen habe (erstklassige Horror-Comedy-Serie auf Apple TV), war ich auf der Suche nach Büchern über verschlafene Städtchen, in denen etwas ganz und gar nicht stimmt. Über Empfehlungen kam ich schnell zu ’Salem’s Lot. Stephen King kannte ich bereits durch IT und The Stand, war aber immer etwas überfordert mit der Frage, wo ich bei seinen ganzen Romanen weitermachen soll. Na, am besten ziemlich weit vorne. ’Salem’s Lot erschien 1975 als sein zweiter veröffentlichter Roman nach Carrie. Und die Prämisse hat mich einfach mehr abgeholt.
King macht hier, was er am besten kann: Er lehrt uns in einer verschlafenen Kleinstadt in Maine das Gruseln, sowohl durch übernatürliche als auch durch menschliche Abgründe. Die Rolle des Hauptcharakters übernimmt der Schriftsteller Ben Mears. Oder auch nicht. Tatsächlich ist der eigentliche Hauptdarsteller die Stadt Jerusalem’s Lot, oder wie die Einheimischen sie nennen: ’Salem’s Lot. Oder einfach the Lot.
King wechselt zwischen den Bewohnern, schaut in ihre Wohnzimmer, begleitet sie zur Arbeit und hört ihren Gesprächen zu. Man lernt Beziehungen, Routinen, Gerüchte und Geheimnisse kennen. Er schafft es 1A, der Stadt eine Atmosphäre und etlichen Bewohnern schon durch kurze Interaktionen eine starke Persönlichkeit zu geben. Wenn hier später jemand verschwindet, fehlt eine Person, die eine spürbare Lücke hinterlässt.
Ab hier gibt es Spoiler. Beruhigt euch, das Buch ist 50 Jahre alt.
Willkommen in ’Salem’s Lot. Einwohnerzahl 1319. Noch.
Stell dir vor, Dracula hätte sich nicht mit kompetenten Menschen angelegt, sondern würde sich erst mal die Verletzlichen und Ahnungslosen vornehmen, um nach und nach eine ganze Stadt zu überrennen. Jetzt stell dir vor, du wohnst in dieser Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine. Willkommen in ’Salem’s Lot. Einwohnerzahl 1319. Noch.
Wenn du hier neu bist, wird man dich erkennen.
Man wird über dich reden, versuchen, dich einzuordnen, und wenn du Glück hast und es lange genug hier aushältst, wirst du vielleicht irgendwann nicht mehr der oder die Neue sein. Vorausgesetzt, es gibt jemanden, der nach dir in das Städtchen zieht und dir den Titel abnimmt. Wahrscheinlich ist das nicht, die Tendenz geht klar zum Wegziehen. Oder zum spurlosen Verschwinden.
Autor Ben Mears hat Glück. Als er nach ’Salem’s Lot zurückkommt, um sich schreibend mit einem verstörenden Kindheitserlebnis im Marsten-Haus auseinanderzusetzen, haben auch zwei andere Männer das Haus für sich entdeckt. Ein verfallenes Gebäude, in dem unsäglicher Mist passiert ist und das von einem Hügel aus die gesamte Stadt überblickt. Die Einwohner halten sich fern. Wer in die Nähe kommt, dem läuft es bei der bedrückenden Atmosphäre gleich kalt den Rücken runter. Da sucht man lieber schnell das Weite. Mears ist zwar auch der Neue aber bei weitem nicht Gesprächsthema Nummer 1.
Die beiden Männer aus dem Gruselhaus möchten in der Stadt ein Antiquitätengeschäft eröffnen. Also zumindest einer von den beiden, Mr. Straker. Den anderen, Mr. Barlow, hat irgendwie noch niemand zu Gesicht bekommen.
Die Eintrittskarte kostet ein Kinderleben.
Bevor Mr. Barlow in ’Salem’s Lot sein Unwesen treiben kann, braucht er erst eine Eintrittskarte von einer höheren bösen Macht. Mr. Straker kümmert sich darum. Die Eintrittskarte kostet ein Kinderleben: das von Ralphie Glick, von dem wir zunächst erfahren, dass er verschwunden ist, bevor Mr. Straker ihn nachts auf dem Friedhof von ’Salem’s Lot … Na ja. Im Roman steht, dass er etwas Unaussprechliches mit ihm macht. Was genau, überlässt King unserer Fantasie.
Hier zeigt er, wie guter Schauer funktionieren kann: Andeutung statt detailliert beschriebener Horrorszenarien. Man weiß, dass in der Stadt etwas passiert, aber lange nicht, wie weit es schon gekommen ist. Die Einwohner tappen im Dunkeln, während wir nach und nach Fetzen von dem mitbekommen, was nachts in ’Salem’s Lot passiert: Auf einmal hängt ein toter Hund am Friedhofstor (diese verdammten Jugendlichen). Personen verschwinden oder sind nicht erreichbar (dieser Trunkenbold schläft irgendwo seinen Rausch aus). Manche Menschen haben plötzlich Schwächeanfälle und ganz miserable Blutwerte. Andere hören nachts ein Kratzen von außen an ihren Schlafzimmerfenstern. Im Obergeschoss ihres Hauses.
’Salem’s Lot zeigt uns, wie es ist, wenn Menschen übernatürliche Ereignisse in einen rationalen Rahmen prügeln wollen. Ein ganz natürlicher Reflex, der unserem bissigen Antagonisten sehr in die Karten spielt. Bis der normale Bewohner merkt und akzeptiert, was hier vor sich geht, ist die Stadt bereits wie ausgestorben. Geschäfte schließen, Betten sind leer. Tagsüber verkriechen sich die rekrutierten Vampire in Schränken, Kellern und allen möglichen anderen dunklen Verstecken. Unmöglich zu sagen, wo und wie viele Einwohner tot oder eben untot herumlungern.
Das Fiese daran: Die Leute kennen sich gut.
Was tagsüber für Gerüchte und gegenseitige Kontrolle sorgt, hilft nachts den Vampiren. Vor dem Fenster wartet kein gesichtsloses Monster, sondern jemand, den man kennt. Vielleicht sogar jemand, den man vermisst.
Ein paar Menschen bekommen die Kurve und checken, was abgeht. Neben Ben sind da unter anderem Susan Norton, mit der er eine Beziehung beginnt, der Lehrer Matt Burke, der Arzt Jimmy Cody, Pater Callahan und der junge Mark Petrie. Mark ist interessant, weil seine Begeisterung für Horror plötzlich ziemlich brauchbares Wissen liefert. Während die Erwachsenen noch versuchen, das Unmögliche wegzuerklären, hat er deutlich weniger Probleme damit, die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Im Verlauf des Buches erfahren wir, wie die zusammengewürfelte Gruppe versucht, `Salems Lot zu retten, bevor die gesamte Stadt nur noch aus lebenden Toten besteht. Die Oktobertage werden zu einem Wettrennen gegen die Zeit, während sich die Vampirpopulation nachts stetig vervielfacht.

Wie weit das Buch nachwirkt, sieht man auch außerhalb von Kings eigener Bibliografie. Es wurde mehrfach verfilmt: 1979 (Klassiker), 2004 (muss in große Fußstapfen treten, schafft das nur teilweise) und 2024 (da reden wir nicht drüber). Inspiration lieferte es unter anderem für: The Lost Boys (1987), Buffy – Im Bann der Dämonen (1997–2003), Midnight Mass (2021) und Sinners (2025).
Hat es mich jetzt so richtig gegruselt?
Nicht durchgehend. ’Salem’s Lot war für mich eher konstant unheimlich und spannend als ein literarischer Stresssimulator. King nimmt sich Zeit für seine Stadt, und wer möglichst schnell zum nächsten Vampir möchte, muss sich am Anfang etwas gedulden. Für mich funktioniert genau das. Ich wollte ja wissen, was mit diesem Ort nicht stimmt. Dafür muss ich ihn erst mal kennenlernen.
In Teilen merkt man dem Buch sein Alter an. Gleichzeitig ist die Welt der Siebziger, noch weit weg von Smartphones und ständiger Erreichbarkeit, eine angenehme Zeitreise. Also, angenehm, solange man tagsüber unterwegs ist.
Meinen Cozy Horror hab ich jedenfalls bekommen. Eine Stadt, in der ich gern eine Weile beim Leben zugesehen habe, und ein wachsendes Unbehagen darüber, was nach Sonnenuntergang mit ihr passiert. Sehr gutes Buch. Würde in Zukunft im Bett liegen bleiben, wenn es nachts am Fenster kratzt.




