Stell dir einen Menschen vor, der richtig gut denken kann und wirklich zu allem etwas zu sagen hat. Der über die Immobilienpreise in Koblenz genauso Bescheid weiß wie über Abstimmungsverfahren im antiken Rom und der dir natürlich auch genau sagen kann, warum deine Beziehung gerade nicht so läuft. Egal, mit welcher Frage man zu diesem Menschen kommt: eine Antwort lässt nie lange auf sich warten. Sie klingt meistens schlüssig, ist freundlich formuliert und wird mit einem Selbstbewusstsein vorgetragen, bei dem man meist vergisst, noch einmal nachzufragen, woher die Person das überhaupt weiß.
Dieser Mensch ist nicht nur schlau, sondern außerdem erstaunlich hilfsbereit. Er erstellt dir einen Trainingsplan, schreibt deine Hausarbeiten, formuliert Texte für Geburtstagskarten, und hilft dir bei der Steuererklärung. Und das Beste: wenn du abends nicht einschlafen kannst, hört er sich auch um 3 Uhr nachts deine Probleme an und hat selbstverständlich auch dafür einen Ratschlag parat. Alles gar kein Problem für den Kollegen! Wenn dir nichts einfällt, liefert er Ideen. Wenn du etwas nicht verstehst, erklärt er es dir.
Wo ist der Haken?
Klingt doch eigentlich ziemlich gut, einen stabilen Unterstützer (oder Handlanger?) in seinem Umfeld zu haben. Ist zwar irgendwie seltsam, immer den gleichen Menschen mit allen Themen zu belasten, aber er könnte ja auch was sagen, oder? Es ist ja vollkommen nachvollziehbar, dass wir Dinge und Aufgaben abgeben wollen, auf die wir keine Lust haben. Wenn man gerade im emotionalen Ausnahmezustand ist, ist es vielleicht sogar sinnvoll, die Nachricht mit Formulierungen wie „Arschloch“, „Dummkopf“ und „ich hoffe, deine Ärmel werden beim Händewaschen nass“ von jemand anderem korrigieren zu lassen…
Aus einer Bitte wie „Kannst du mir vielleicht helfen, das besser zu formulieren?“ wird aber dann doch schneller als man Muskelschwund sagen kann eine Anweisung wie: „Antworte auf diese Nachricht“. Und wenn wir schon einmal dabei sind, private Screenshots mit diesem hilfsbereiten Menschen zu teilen, können wir auch gleich noch fragen, ob wir bei der Diskussion mit der besten Freundin im Recht sind.
Oft kommt sogar von dem Menschen selbst der Hinweis, dass er sich liebend gerne zu Thema XY informieren kann und dir dann kurz und knapp die Infos wiedergeben kann. Vielleicht ein bisschen übermotiviert der Kerl, aber bisher war ja auch alles sinnvoll, was er dir erzählt hat…

Wer ist denn nun dieser intelligente und hilfsbereite Mensch?
Dieser Mensch mit unendlich viel Zeit, Geduld und Wissen über vermeintlich alles würde unser Leben sicherlich ein bisschen erleichtern. Aber vielleicht würde früher oder später bei einigen von uns die Frage aufkommen: Warum regeln wir das alles eigentlich nicht selbst?
Anders sieht das aber aus, wenn wir unsere Fragen an unsere KI des Vertrauens richten. ChatGPT, Gemini, Claude oder andere generative KI‘s recherchieren für uns, schreibenfür uns, fassen zusammen, brainstormen, erklären und beraten. Sie sind immer verfügbar, sind nicht genervt und stellen keine unangenehmen Fragen, wenn wir die drei Sätze in der Mail nicht einfach selbst formulieren. Genau deshalb ist es so einfach, immer mehr Aufgaben an sie abzugeben.
Bei einem echten Menschen würden wir wahrscheinlich früher oder später überlegen, ob wir ihn wirklich mit jeder Kleinigkeit behelligen wollen. Vielleicht hat dieser Mensch ja mit seinen eigenen Aufgaben genug um die Ohren oder einfach keinen Bock, sich mit unserem Kram zu beschäftigen. Bei einer KI gibt es diese soziale Hemmschwelle nicht. Zwischen dem Gedanken „Das könnte ich eigentlich selbst machen“ und dem fertigen Ergebnis eines Chatbots liegt nur ein geschickt formulierter Prompt. Warum also zehn Minuten nachdenken, wenn es auch zehn Sekunden dauern kann?
Wer denken können will, muss denken
Wer ins Fitnessstudio geht und anderen Menschen beim Sport zusieht, darf nicht erwarten, dass davon die eigenen Muskeln wachsen. Wir müssen sie benutzen, damit sie leistungsfähig bleiben.
Ähnlich verhält es sich mit unseren geistigen Fähigkeiten. Texte zu lesen und Informationen einzuordnen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Zusammenhänge zu erkennen, Argumente gegeneinander abzuwägen oder einen komplizierten Gedanken so lange im Kopf herumzuschieben, bis daraus etwas Verständliches wird, sind vielleicht manchmal lästige Zwischenschritte auf dem Weg zu einem Ergebnis, aber gleichzeitig sind sind ein wesentlicher Teil des Denkens selbst.
Wenn wir Aufgaben regelmäßig an technische Systeme auslagern, sprechen Forschende unter anderem von „Cognitive Offloading“, also davon, kognitive Arbeit an externe Hilfsmittel abzugeben. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass das nicht grundsätzlich schlecht ist. Wir alle tun das ständig: Wir schreiben Einkaufslisten, speichern Telefonnummern im Handy und benutzen einen Kalender, damit wir uns nicht jeden Termin selbst merken müssen. Problematisch kann es dort werden, wo solche Hilfsmittel nicht nur unser Gedächtnis entlasten, sondern genau die geistige Arbeit übernehmen, mit der wir unser Gehirn richtig gut auf Trab halten könnten.
Für Aufmerksamkeit sorgte 2025 etwa die Studie „Your Brain on ChatGPT“ des MIT Media Lab. Forschende ließen Teilnehmende Essays entweder mit einem Sprachmodell, mit einer Suchmaschine oder ohne solche Hilfsmittel schreiben und untersuchten dabei unter anderem ihre Gehirnaktivität. In der untersuchten Gruppe zeigte die LLM-Gruppe die schwächste gemessene neuronale Vernetzung und konnte sich schlechter an eigene Formulierungen erinnern. Einige Teilnehmende hatten zudem weniger das Gefühl, die wirklichen Urheber:innen ihrer Texte zu sein.
Das hier ist kein Plädoyer gegen KI
An dieser Stelle könnten wir natürlich die große KI-Kritik auspacken und so tun, als wäre die Lösung, ab morgen wieder alles selbst zu machen und nur noch selbst zu denken. Das wäre allerdings ungefähr so sinnvoll, wie alle Taschenrechner wegzuwerfen, weil Kopfrechnen unser Gehirn trainiert.
Künstliche Intelligenz hat auf jeden Fall sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Sie kann Routineaufgaben beschleunigen, einen Einstieg in komplizierte Themen erleichtern, beim Strukturieren helfen, Sprachbarrieren reduzieren oder Menschen dabei unterstützen, Informationen zugänglicher zu machen. Auch beim Schreiben kann sie ein hilfreiches Tool sein, wenn sie beispielsweise Feedback gibt, auf Lücken hinweist oder dabei hilft, eine bereits vorhandene Idee weiterzuentwickeln.
Entscheidend ist also weniger die Frage, ob wir KI benutzen, sondern wie wir sie benutzen. Es gibt einen ziemlich großen Unterschied zwischen „Hilf mir beim Denken“ und „Denk für mich“, zwischen „Erklär mir diesen Zusammenhang“ und „Sag mir, was ich davon halten soll“ oder zwischen „Gib mir Feedback zu meinem Text“ und „Schreib ihn komplett für mich“.
Wir sollten KI also nicht verteufeln, sondern einfach nur mal darüber nachdenken, ob wir unser eigenes Gehirn in Zukunft noch benutzen möchten.

Echte Menschen sind erstaunlich unpraktisch
Wenn wir nicht mehr nur klassische To-Do‘s mit einer KI besprechen, sondern auch persönliche Probleme zum Thema werden, sollten auf jeden Fall die Alarmglocken angehen.
Klar, ein Sprachmodell hat einen ziemlich entscheidenden Vorteil gegenüber Menschen: Es ist sofort verfügbar. Es muss nicht arbeiten, schlafen oder einkaufen, braucht keine halbe Stunde, um eine lange Nachricht zu beantworten, und hat auch nicht selbst einen schlechten Tag und damit keine Kapazität für deine Struggles.
Echte Menschen hingegen sind manchmal erschreckend ineffizient. Sie antworten drei Stunden später, verstehen eine Geschichte falsch, schweifen ab oder brauchen erstmal Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren. Und manchmal sagen sie sogar etwas, das wir überhaupt nicht hören wollten – das ist EINFACH NUR FRECH!
Gute Freund:innen finden wahrscheinlich nicht jede unserer Entscheidungen toll. Der Mitarbeiter im Baumarkt darf uns sagen, dass wir uns gerade wie ein Idiot benehmen. Eine Kollegin kann eine völlig andere Perspektive auf ein Problem haben. In Gesprächen mit unseren Mitmenschen müssen wir erklären, zuhören, Missverständnisse aushalten und manchmal sogar unsere eigene Position überdenken. Das ist natürlich deutlich anstrengender als eine innerhalb von Sekunden generierte Antwort, die uns in den meisten Fällen mit einem guten Gefühl zurücklässt.
Aber Überraschung: überzeugende Antworten aus Sprachmodellen sind nicht automatisch richtige Antworten. KI-Systeme können falsche Informationen erzeugen und – jetzt bitte nicht durchdrehen – zu übermäßiger Zustimmung neigen, auch wenn wir im Unrecht sind. Gerade bei persönlichen Fragen ist deshalb Vorsicht angebracht, damit wir von einem Robo nicht ständig in unserer Meinung bestärkt werden.
Warum es grundsätzlich wichtig ist, die eigene Bubble gelegentlich platzen zu lassen und nicht ausschließlich Informationen und Meinungen zu konsumieren, die zur eigenen Weltsicht passen, haben wir hier schon einmal beschrieben.
Wir müssen Geschwindigkeitsverlust beim Denken wieder aushalten
Wenn wir selbst bei den billigsten geistigen Aufgaben unseres Alltags nicht mehr bereit sind, unser eigenes Gehirn arbeiten zu lassen, sollten wir uns wirklich Gedanken machen (pun intended).
Nicht jede WhatsApp Nachricht muss optimiert werden. Nicht jeder Zeitungsartikel muss zusammengefasst werden. Nicht jede Entscheidung braucht eine Pro-und-Contra-Liste. Nicht jede Mail an die Krankenkasse muss maximal charmant formuliert sein. Und nicht jede zwischenmenschliche Unsicherheit muss innerhalb von zehn Sekunden verschwinden.
Vielleicht sollte man einen langen Text auch einfach mal selbst lesen und anschließend selbst überlegen, was davon wichtig war. Vielleicht kann man beim Schreiben der Bachelorarbeit zwanzig Minuten vor einem leeren Dokument sitzen, ohne sofort nach Hilfe zu rufen. Vielleicht darf die Nachricht an den Crush ein bisschen unbeholfen klingen, wenn sie dafür von einem selbst stammt. Und vielleicht ist es an einem schlechten Tag besser, einen Menschen anzurufen, auch wenn der vielleicht nicht innerhalb von 1,7 Sekunden die perfekte Antwort parat hat.




