Was passiert, wenn man 13,8 Milliarden Jahre Geschichte in ein YouTube-Video quetscht? Richtig: Es wird absurd, schnell und verdammt unterhaltsam. Bill Wurtz bringt in seinem Video „history of the entire world, i guess“ alles unter: Urknall, Quarks, Evolution, Menschwerdung, Kolonialismus, Kapitalismus, Klimakrise – bis hin zu irgendwelchen Dingen, die irgendwelche Dinge erfinden. Das Ganze wird untermalt von Jazz-Akkorden, Synthie-Sounds und jeder Menge Dauer-Überforderung, die bestenfalls während des Ansehens des Videos in akkurate Strickmaschen verwandelt wird.
Das Video birgt einiges an Meme-Material, was wir coolen Internet Kids natürlich feiern. Gleichzeitig bietet es aber auch einen cleveren Einstieg in große Fragen: Wie hängen Naturgeschichte und Gesellschaft zusammen? Warum wiederholen sich (oft irre und geisteskranke) Machtmuster? Wie schnell kann sich alles verändern? Bill Wurtz ermöglicht uns mit diesem Meisterwerk einen Crashkurs in „Big History“ – also dem Versuch, unsere Menschheitsgeschichte nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs zu erzählen.
„The rare crossover of chemistry, physics, geology, paleontology, human history and art. In short a true masterpiece that can’t be replaced by anyone“ – @prasanth2601
Was „history of the entire world, i guess“ so stark macht, ist sein Stil: Die ironische Erzählweise, die musikalischen Einspieler, die bunten Visuals. Alles ist komplett überdreht und leicht überfordernd. In wenigen Sekunden passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass man fast schon Angst davor hat zu blinzeln, weil man nichts verpassen möchte. Und gerade deshalb sieht und hört man aufmerksam zu.
Während du also gerade zum fünften Mal über die Aussage „you could make a religion out of this“ lachst, lernst du gleichzeitig, dass jede Hochkultur auch ihre Krisen hatte und der Gedanke „Hier bleibt alles, so wie es ist“ historisch gesehen selten gestimmt hat. Und während ich das schreibe fällt mir auf, dass man all das auch über das Leben behaupten könnte: komplett überdreht, leicht überfordernd, man will nichts verpassen, alles ist im Wandel. Wir sind jetzt aber nicht hier, um zu philosophieren, sondern über ein Stück Internetgeschichte zu schreiben, also zurück zum Thema:
Warum ist „history of the entire world, i guess“ so eingeschlagen?
Vor 8 Jahren hat Bill Wurtz das Video auf seinem YouTube Account veröffentlicht und damit seitdem 180 Millionen Aufrufe erreicht. Fast täglich landen neue Kommentare unter dem Video, die in den meisten Fällen positiv sind: „this video used to just make me laugh but now has helped me unironically in my college exams. thank you bill“ (@allo8691) oder „’The sun is a deadly laser‘ the most iconic line in all of history, I guess“ (@bunnyvkt6739). Wie schafft man das?
Hinter dem Chaos steckt ein Prinzip: radikale Zugänglichkeit. „history of the entire world, i guess“ serviert komplexe Zusammenhänge in einem Format, das man sich auch mit Konzentrationsspanne eines Eichhörnchens reinziehen kann. Es ist keine Doku im klassischen Sinn sondern irres Infotainment. Wurtz macht damit Geschichte greifbar für eine breite Masse.
Denn: Geschichte wird hier nicht trocken erzählt, sondern zu einem Erlebnis gemacht. Die Timeline der Weltgeschichte wird zur Bühne für Neugier, vor allem, weil man ganz gespannt darauf wartet, welche Eroberungen und Grenzverschiebungen in den nächsten Sekunden thematisiert werden. Während im Schulunterricht wochenlang HuMoRvoLL versucht wird, „7-5-3: Rom schlüpft aus dem Ei“ beizubringen, beleuchtet dieses Video einmal den gesamten Möglichkeitsraum der Menschheit – in unter 20 Minuten.

Was machen wir mit all dem Wissen?
Wer verstanden hat, dass unsere Geschichte kein Stillstand ist, sondern ein Dauerexperiment, wird sich irgendwann auch fragen: was kommt als Nächstes? Wir sollten sowohl unsere Geschichte als auch unsere Zukunft nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten. Und dafür brauchen wir mehr als gute Noten oder virale Videos – wir brauchen Orientierung, Mut, Ideen und Menschen, die etwas bewegen wollen.
Denn unsere Gegenwart ist nicht selbstverständlich. Der Punkt, an dem wir uns jetzt gerade befinden ist das Ergebnis von Milliarden Entscheidungen, Zufällen, Katastrophen und Ideen. Was heute selbstverständlich wirkt – etwa demokratische Freiheiten, Bildung oder Teilhabe – ist historisch betrachtet alles andere als garantiert. Gesellschaften haben sich immer wieder verändert. Manche sind gewachsen, andere gescheitert. Viele der Rechte, die wir heute genießen, wurden hart erkämpft und sind trotzdem nie vollkommen sicher.
Deshalb ist es so wichtig, Dinge wie unsere Demokratie nicht nur zu feiern, sondern auch zu verstehen. Sie ist kein Status quo, sondern ein lebendiger Prozess. Ein System, das davon lebt, dass Menschen mitdenken, mitreden, mitwirken. Gerade in Zeiten, in denen autoritäre und faschistische Stimmen salonfähig wirken, braucht es Wissen, Solidarität und die Bereitschaft, Demokratie aktiv zu schützen.
Wer versteht, wie Gesellschaften sich verändert haben, der versteht auch eher, wie Wandel heute möglich ist. Genau da setzt auch subzeroes an: Wir wollen die Zukunft gestalten – mit dem Wissen, was war, und der Vorstellungskraft, was sein kann. Und wie das Video eindrücklich beweist: Alles war mal anders. Aber alles kann auch wieder anders werden.
Also: Wenn dir die Welt manchmal zu kompliziert erscheint – gönn dir diese 20 Minuten Zeitreise durch die Geschichte. Danach wirst du die Gegenwart mit anderen Augen sehen. Und vielleicht sogar Lust bekommen, sie ein Stückchen selbst zu verändern.




