Grönland steht nicht zum Verkauf

von | Jan. 8, 2026

Nordlichter über verschneiten Häusern in Grönland bei Nacht – klare Sicht auf das Polarlicht am arktischen Himmel.

Januar in Nuuk. Es ist dunkel. Menschen gehen zur Arbeit. Das Leben läuft.

Grönland hat genug eigene Themen: Wohnraum, Infrastruktur, die Zukunft der Jugend, die fragile Balance zwischen Tradition und Moderne. Und doch rückt das Land mit seinen rund 57.000 Einwohnern zunehmend in den Fokus der Welt. Nicht, weil es laut ist. Sondern weil sich die Welt verändert.

Die geopolitische Bedeutung von Grönland

Schmelzendes Eis öffnet neue Schifffahrtsrouten. Rohstoffe und Bodenschätze gewinnen an Bedeutung. Die Arktis wird zu einer Region, in der wirtschaftliche, ökologische und sicherheitspolitische Interessen aufeinandertreffen. Für Grönland ist das kein abstraktes Szenario, sondern eine konkrete Zukunftsfrage. Eine große Frage für ein kleines Land: Was machen wir mit unserer neuen Bedeutung?

Oft wird diese Frage jedoch falsch gestellt. Statt nach grönländischen Interessen wird nach amerikanischen, chinesischen oder europäischen Interessen gefragt. Es wird nicht mit, sondern über Grönland gesprochen.

Dabei sind etwa 90 Prozent der Einwohner Grönlands Inuit, Teil der indigenen Völker des arktischen Raums. Seit Jahren steigt in Umfragen der Anteil derjenigen, die sich langfristig Unabhängigkeit vom Königreich Dänemark wünschen, zu dem Grönland als autonomes Gebiet gehört. Erhebungen aus dem Jahr 2025 zeigen, dass rund 84 Prozent eine Unabhängigkeit befürworten. Gleichzeitig bevorzugen etwa 85 Prozent weiterhin die Zugehörigkeit zu Dänemark gegenüber nur rund 6 Prozent, die sich eine Zugehörigkeit zu den USA wünschen würden.

Diese Ambivalenz zeigt: Es geht nicht um den Tausch einer Abhängigkeit gegen eine andere. Sondern um Selbstbestimmung.

Anfang 2025 protestierten rund 1.000 der etwa 20.000 Einwohner Nuuks gegen erste polarisierende Aussagen der US-Regierung über Grönlands Zukunft. Kein anti-amerikanischer Reflex. Sondern ein klares Signal: Unsere Zukunft ist kein geopolitisches Spiel.

Winterliche Stadtansicht von Nuuk in Grönland mit bunten Holzhäusern im Schnee und schroffen Felsen im Hintergrund.

Die koloniale Vergangenheit und ihre Folgen für die Inuit

Der Wunsch, sich von Dänemark zu lösen, entspringt einer kolonial belasteten Geschichte. Die Ausmaße reichen von Zwangssterilisationen grönländischer Mädchen in den 1960er und 70er Jahren bis zur systematischen Abwertung der Inuit-Kultur. Dänemark startete in dieser Zeit radikale Modernisierungsprogramme, siedelte Menschen um, führte westliche Arbeits- und Lebensstrukturen ein. Von traditioneller Jagd und Fischerei ging es per Zwang in die Lohnarbeit. Dorfgemeinschaften zerfielen. Alkoholismus, Gewalt und Orientierungslosigkeit nahmen zu. Erst 2025, mehr als 50 Jahre später, entschuldigte sich Dänemark offiziell bei den betroffenen Frauen für die Zwangssterilisationen.

Vor den 1960er Jahren war Suizid in Grönland selten. Heute gehört das Land zu den Regionen mit der höchsten Suizidrate weltweit – etwa achtmal höher als in Dänemark, das regelmäßig als eines der glücklichsten Länder der Welt gilt. 

Trotz dieser Geschichte ist Grönland wirtschaftlich noch zu abhängig, um sich den Sprung in die Unabhängigkeit leisten zu können. Der Weg in die Eigenständigkeit ist daher nicht revolutionär, sondern schrittweise.

Bis dahin betreibt Grönland eine wachsende eigene Außenpolitik, auch wenn es formal in vielen Fragen an Dänemark gebunden bleibt. Im Februar 2024 veröffentlichte die grönländische Regierung erstmals eine eigene Arktisstrategie mit der klaren Kernbotschaft: „Grönland in der Welt – nichts über uns ohne uns.“

Darin geht es um Arktisfragen, Klimapolitik, Ressourcenmanagement. Grönland betont, dass es keinen Rüstungswettlauf in der Arktis will, sondern Zusammenarbeit, Diplomatie und zivile Sicherheit. Rettungskapazitäten, Infrastruktur und internationale Kooperation sollen ausgebaut werden. Man will wirtschaftlich kooperieren, ohne dass Fischerei und Bodenschätze ausgebeutet werden.

Back to Traditionen

Parallel dazu findet im Inneren eine kulturelle Rückbesinnung statt. Um den Verlust des letzten Jahrhunderts auszugleichen, setzen sich viele Grönländer für die Förderung der Inuit-Sprachen, Traditionen und Identität ein. Der rasche soziale Umbruch nahm vielen jungen Menschen die Lebensweise, nach der sie sich heute wieder sehnen.

Dabei geht es nicht um Rückzug in die Vergangenheit. Und auch nicht um folkloristische Inszenierung für Touristen. Sondern um eine lebendige, zeitgemäße Inuit-Kultur. Jagd und Fischerei sollen respektiert und weitergegeben werden. Die grönländische Sprache gestärkt. Die Verbindung zu Land und Gemeinschaft wiederbelebt.

Die Wünsche sind bodenständig: bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Zugehörigkeit, ein Bildungssystem, das zur Lebensrealität der Inuit passt. Kritisiert werden das westliche Leistungsideal, soziale Isolation und der Verlust gemeinschaftlicher Strukturen.

Die Stimmen junger Grönländer sind nicht monolithisch. Aber sie sind auffallend einig in einem Punkt: Zukunft darf nicht Entfremdung bedeuten. Man will die eigene Kultur praktizieren und trotzdem als Land in der Welt bestehen können, keine Brücke hinter sich abreißen und keine vor sich verbrennen.

Grönland ist kein geopolitischer Spielball und kein Supermarkt voller Rohstoffe. Es ist ein Ort mit einer eigenen Stimme, einer eigenen Geschichte und einem eigenen Rhythmus. Die Welt mag es im Blick haben, doch die Insel hat ihre Prioritäten klar definiert: Selbstbestimmung, soziale Gerechtigkeit, kulturelle Erneuerung und eine nachhaltige Zukunft. Was hier zählt, sind nicht Machtspiele oder Handelsinteressen, sondern die Menschen, die seit Generationen mit und auf diesem Land leben. Und sie machen deutlich: Grönland steht nicht zum Verkauf.


Tom

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