Buch der Woche: Space Girls von Maiken Nielsen

von | Dez. 5, 2025

Start einer Raumfähre mit aufsteigender Rauchwolke – Symbol für den Aufbruch der Space Girls und ihren Kampf um einen Platz in der Raumfahrt

„Space Girls“ erzählt die faszinierende, fast verdrängte Geschichte der Mercury-13-Pilotinnen, die in den 1960er Jahren strengste Medizin- und Fitness-Tests bestanden, um Teil des US-Raumfahrtprogramms zu werden. Doch trotz ihrer Fähigkeiten wurde ihnen der Weg ins All versperrt. Nicht aus technischen Gründen, sondern weil Frauen zu jener Zeit in erster Linie als Ehefrauen und Mütter vorgesehen waren.

Autorin Maiken Nielsen verbindet diese wahren historischen Ereignisse mit einer fiktiven Figur: Juni, eine leidenschaftliche junge Pilotin, die stellvertretend für viele Frauen steht, die gegen gesellschaftliche Normen und Benachteiligung anflogen. Im Laufe des Romans festigt sich in Juni ein brennender Wunsch: Als Astronautin ins All zu reisen. 

Gleichzeitig blickt der Roman auf eine dunkle Seite der Raumfahrtgeschichte: die Rolle des deutschen Raketeningenieurs Wernher von Braun. Während Nielsens Figur Juni in die Zukunft starten möchte, flieht ihre Mutter Martha vor ihrer Vergangenheit. Diese ist eng mit jenen Verbrechen verbunden, die im Namen des technischen Fortschritts begangen wurden. Von Braun entwickelte im NS-Regime die V2-Raketen, deren Produktion Tausende Zwangsarbeiter das Leben kostete. Nach dem Krieg hingegen wurde er in den USA zum gefeierten Helden der Raumfahrt, während seine Schuld weitgehend ausgeblendet wurde.

Diese moralische Spannung zwischen technischem Fortschritt und dem Verdrängen von Schuld bildet das Herz des Romans. Martha, deren Eltern in nationalsozialistischen Arbeitslagern starben, verbirgt Juni die deutschen Wurzeln ihrer Familie – aus Angst vor Stigmatisierung und aus Fassungslosigkeit darüber, dass jemand wie Wernher von Braun in den USA als Held gefeiert wird. Doch so sehr sie Juni vor dieser Vergangenheit schützen möchte: Junis eigener Weg in die Luft- und Raumfahrt führt sie unweigerlich mit genau jener Geschichte zusammen, der Martha zu entkommen versucht.

Während Martha ihre seelischen Wunden verarbeitet, findet Juni im Fliegen ihre Freiheit. Doch der Weg ins Cockpit ist steinig: männliche Konkurrenten und strukturelle Diskriminierung stehen ihr im Weg. Erst als sie die echten Pilotinnen der Mercury 13 kennenlernt – darunter Jerrie Cobb, die als erste Frau sämtliche NASA-Tests erfolgreich absolvierte – erkennt Juni, dass ihr Traum mehr ist als ein Hirngespinst.

Doch trotz Spitzenresultaten wurden die Pilotinnen für die Raumfahrt abgelehnt. Die offizielle Begründung: Astronauten müssten Militärtestpiloten sein. Ein Beruf, der Frauen nicht offenstand. Dass „Frauen nicht in diesem Feld vertreten sind, ist eine Tatsache der sozialen Ordnung“, erklärte damals John Glenn, der erste Amerikaner im Orbit.

Wichtige Frauen im Weltall

Valentina Tereschkowa: Die sowjetische Kosmonautin war 1963 die erste Frau im Weltraum und unternahm den einzigen Solo-Weltraumflug einer Frau.

Claudie Haigneré: Die französische Wissenschaftlerin war eine der ersten Frauen des ESA-Teams, die an einer Weltraummission teilnahm (2001).

Samantha Cristoforetti: Die italienische Astronautin war 2014 erstmals im All und wurde später die erste europäische Kommandantin der ISS.

Rabea Rogge: Die deutsche Ingenieurin war 2025 die erste deutsche Frau, die im Rahmen einer privaten Mission zur ersten deutschen Frau im Weltall wurde.

Andere: Aktuell befinden sich auch Astronautinnen wie die NASA-Mitglieder Jasmin Moghbeli, Loral O’Hara und Jeanette Epps an Bord der ISS. 

Warum „Space Girls“ heute noch relevant ist

Hier setzt der Roman genau dort an, wo die Geschichte heute noch weh tut: Die Mercury 13 haben bewiesen, dass sie es konnten, oft besser als die männlichen Kandidaten – aber sie durften nicht. Nielsen holt diese Pionierinnen aus der Fußnote der Geschichte und erzählt von ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit und ihrem Kampf gegen ein System, das sie kleinhalten wollte. Space Girls ist ein packendes, emotionales Denkmal für Frauen, die ihrer Zeit voraus waren und durch ihr Schaffen die Zukunft veränderten. Der Roman ist eingebettet in historische Fakten, in den Wettlauf der USA mit der Sowjetunion um die Vorherrschaft im All und er zeigt, wie politischer Druck und Geschlechterrollen darüber entschieden, wer Geschichte schreiben durfte und wer nicht.


Tom

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