Jedes Jahr kürt der Langenscheidt-Verlag ein „Jugendwort des Jahres“. Für viele ist es ein Marketing-Gag, für andere ein Spiegel der Gegenwart. Fakt ist: Jugendwörter sind ein Seismograph gesellschaftlicher Stimmungen. Sie zeigen, wie junge Menschen fühlen, denken und miteinander reden.
Viele Begriffe sind ironisch, andere abgrenzend und manche verbinden. Zusammen zeichnen sie ein Bild von Kommunikation, die schnell, flexibel und oft mit einem Augenzwinkern funktioniert. Auch 2025 geht’s beim Jugendwort 2025 nicht ohne Selbstironie, Internet-Memes und Buchstabenabfolgen, die fast alles bedeuten könnten.
Damit wir alle auf den gleichen Stand kommen, haben wir mal versucht, euch die Top 10 Jugendwörter zu erklären:
rede
Wenn jemand etwas laut und deutlich ausspricht, was alle fühlen. Standing Ovations aus vier Buchstaben.
„Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren macht richtig bock.“ – „Rede!“
checkst du
Überprüft am Ende eines Satzes, ob das Gegenüber zugehört hat. Die Optimale Antwort darauf lautet „Ich check“.
„Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern dass wir eine Lösung finden – checkst du?“
goonen
Ein Wort aus der Internet-Tiefkultur, das sich seinen Weg nach oben gebahnt hat. Wir lassen es bei dieser Erklärung:
Es hat mit Dopamin zu tun und erfordert Alleinsein.
tot
Wenn die Stimmung komplett im Keller ist oder etwas einfach nur peinlich wirkt.
„Wie kann man bitte alles glauben was im Internet steht? Tot.“
Schere
Die Entschuldigung der neuen Generation. Ein ehrliches Eingeständnis, etwas verhauen zu haben.
„Nein, ich folge subzeroes_ erst seit einer Woche auf Instagram. Schere.“
sybau
Hört sich süß an, bedeutet aber: „Shut your bitch ass up“.
„Ich finde, man kann auch ohne Kaffee arbeiten.“ – „Sybau.“
tuff
Ein kurzes Kompliment, das Gegenstück zu „tot“. Ein verbales High-Five das zeigt, wie beeindruckt man ist.
„Bezahlbarer Wohnraum in Innenstadtlage? Tuff.“
Digga(h)
Der Evergreen. Seit Jahren im Slang und nicht totzukriegen. Zwischen Zuneigung, Verwunderung und leichter Aggression: alles geht.
„Digga, hast du den neuen Song von Disarstar gehört?“
das crazy
Das moderne „ah, cool“. Perfekt, wenn du höflich wirken willst, aber dich mental schon längst abgemeldet hast.
„Ich find Verbrennermotoren sind das einzig Wahre.“ – „Das crazy.“
lowkey
Heißt so viel wie „ein bisschen“ oder „unauffällig“. Perfekt, wenn man die eigene Meinung teilen will, ohne groß aufzufallen.
„Lowkey macht das schon echt bock, sich mit Politik auseinanderzusetzen.“

Bei all diesen Jugendwörtern hatten wir zwei Gedanken gleichzeitig. Erstens: Manche dieser Wörter klingen so, als hätte ein Algorithmus versucht, Gen-Z-Sprache zu simulieren. Zweitens: Genau deshalb sind sie interessant. Denn ob „Sybau“, „Tot“ oder „Rede“ – diese Begriffe sind mehr als Slang. Sie sind Miniaturportraits einer Generation, die in einer Welt lebt, in der Humor, Ironie und kollektives Augenrollen manchmal die besten Überlebensstrategien sind.
Die Liste zeigt auch: Jugendsprache ist längst keine reine Nischensprache mehr. Viele Begriffe wie auch das ein oder andere Jugendwort fließen in den Alltag von Uni-Seminaren, Start-up-Meetings oder WG-Küchen ein. Wenn ein Kollege im Meeting „lowkey“ etwas vorschlägt, verstehen heute alle, dass es kein großer Pitch, sondern ein vorsichtiger Gedankenwurf ist.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser jährlichen Top 10: Wir suchen nach Worten, die verbinden, ohne zu beschweren. Ob ironische Kommentare („Das crazy“), kurze Entschuldigungen („Schere“) oder Komplimente im Ein-Wort-Format („Tuff“) – Sprache wird leichter, schneller und flexibler.
Die Frage ist: Welche dieser Wörter bleiben? Manche, wie „Digga“, haben sich längst etabliert. Andere werden vermutlich so schnell verschwinden, wie sie kamen. Aber eines ist sicher: Sprache wird weiter das sein, was sie immer war – eine Art Beta-Version der Zukunft.
Denn Sprache schafft Wirklichkeit – dieser Satz ist kein leerer Philosophie-Spruch, sondern beschreibt, wie Worte unsere Welt formen. Was wir sagen, wiederholen und teilen, wird Realität: in Politik, in unseren Feeds, in unseren Köpfen.
Wenn ein einziges Jugendwort wie „Rede!“ im richtigen Moment Gemeinschaft stiftet oder ein „Tot“ ganze Stimmungen auf den Punkt bringt, zeigt sich: Sprache formt unser Denken, unser Handeln und unsere Beziehungen. In Zeiten, in denen Begriffe wie „Klimakleber“ oder „Gutmensch“ ganze Debatten lenken, spüren wir, wie Macht und Bedeutung von Sprache unsere Wirklichkeit mitgestalten – ob wir wollen oder nicht.
In einer Zeit, in der Algorithmen mitentscheiden, welche Worte wir am häufigsten lesen, ist das nicht trivial. Was auch immer letztendlich zum Jugendwort des Jahres gekürt wird, auch die anderen Worte in dieser Liste sind mehr als Slang. Sie sind kleine Gegenentwürfe, selbstgebaute Vokabeln für eine Welt, die sich ständig neu erfindet. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Liste: Sprache bleibt ein Spielfeld. Für Ironie, Protest und Gemeinschaft.