Ein persönlicher Text über Bewunderung, Verdrängung und das Ende einer Illusion.
Liebe Freunde, Familie, Mitleser, Community, CabrioGuenther57 aus Heilbronn und Ulis Muddi,
ich habe ein Problem, bei dem ich eure Hilfe brauche.
Wie gehe ich mit einem Freund um, der sich in letzter Zeit stark verändert hat, sich von mir entfernt hat und dessen Verhalten ich nicht gut finde?
Mal konkret: Wir waren früher echt dicke Kumpels. Klar, wir hatten auch mal Stress, haben uns ganz schön die Köppe eingeschlagen, aber dann auch wieder vertragen. Er hat mir gezeigt, wo’s langgeht und quasi beim „Wiederaufbau“ geholfen.
Weil er ein ganzes Stück größer und kräftiger ist als ich, habe ich mich bei ihm immer ziemlich sicher gefühlt – und dafür auch mal die eine oder andere kleine Angeberei durchgehen lassen. Tiefstapeln war nie sein Ding.
Wir hatten eine tolle Zeit zusammen und ich hab in der Jugend ganz schön von ihm profitiert. Jeans, T-Shirts, Cola, Hamburger, Rock’n’Roll – gar nicht zu reden von Gitarren. Geile E-Gitarren. Die echten – und nicht diese langweiligen halbakustischen Jazz-Handwerkszeuge für Vatis Rundfunk-Orchester-Ambitionen mit der Coolness eines senilen Schifferklaviers.
Er hatte alles, was man als heranwachsender Teenager brauchte – und hat gerne geteilt. Freiheit und Abenteuer, Moral und Werte, Starsky & Hutch. Man wollte so sein wie er. Oder zumindest in seiner Nähe bleiben.
Bewundernswert, mit welcher Selbstsicherheit er seinen Weg ging – und als den einzig richtigen verkaufte.
Schnurgerade wie ein Highway in der Wüste. Souverän wie ein blubbernder Big-Block-Achtzylinder.
Aber dann tauchten doch die ersten Zweifel auf. Kleinere rassistische Vorfälle konnte man damals noch überhören. Echte moralische Verfehlungen hatten aber auch schon rechtliche Konsequenzen. Mit Praktikantinnen macht man sowas bitte nicht!
Blätterte der Lack der US-Demokratie an einigen Stellen? Oh ja. Anstatt aus Fehlern zu lernen und Schwächen zuzugeben, schien der Kamerad zunehmend bockig zu reagieren. Zeitweise erschien es, als hätte er gar nicht die richtige Verfassung, um zwischen Aggression und angemessener Feuerkraft zu unterscheiden. Der mentale Zustand schwankte zwischen offener Konfrontation und verteidigender Wagenburg. Hört sich nach einem lustigen Spiel an, war es aber nie. Die Schulen in seinem Einzugsbereich starteten schließlich Amok-Übungen.
Wir standen daneben und taten so, als wäre das alles noch normal.
Und dann passierte noch das Ding mit den Flugzeugen. Nicht seine Schuld, aber die Reaktion war vorhersehbar jähzornig. Seitdem war von Deeskalation nicht mehr die Rede. Die Vernunft wurde dort geparkt, wo sie nicht stört: in Hollywood-Produktionen – dort, wo der aufrechte, ehrliche Kämpfer am Ende über das Böse siegt.
In der Realität wurde sich intern militarisiert, während sich – Big-Tech sei Dank – die frischgebackenen Social-Plattformen langsam aber sicher in Freischwimmerbecken für Hass und Lügen spuckende rechtsextreme Konservative verwandelten.

Mein alter Freund ließ sich von Spaltern und Hetzern mitreißen – und die US-Demokratie veränderte sich. Früher ging es um richtig oder falsch. Jetzt nur noch um wir oder die.
Und dann wählte er mehrheitlich und bei vollem Bewusstsein den Weg aus der Normalität ins Extreme. Zufällig – dachten wir alle.
Um es irgendjemand mal so richtig zu zeigen – das war die akzeptierte Meinung.
Anstatt dass der gesamte Freundeskreis damals schon Alarm schlug, wurde Donald Trump mit seinem Benehmen wie ein Zirkusäffchen gefeiert. Jede Beleidigung wurde eine Headline, jede Entgleisung ein Artikel, jede Dummheit ein Internet-Meme. Nur die Lügen wurden nie korrigiert – jedenfalls nicht in Echtzeit. Dafür war er zu groß und kräftig und man wusste: Der scheut sich nicht, auch mal draufzuhauen und nachzutreten. Also konzentrierte man sich aufs Geldverdienen. Bullshit bringt Quote.
Und wir lachten mit – weil es einfacher war, als Verantwortung zu übernehmen.
Das Establishment amüsierte sich über den ungehobelt schamlosen Angeber, bis seine Zeit abgelaufen war. Als er dann aber, anstatt zu gehen, richtig Ärger machte, brannte die Bude. Das war sogar im Fernsehen.
Danach war erst mal Schluss mit lustig. Er war erledigt, Persona non Grata und wurde ins Exil geschickt. Mit Badezimmern voller geheimer Dokumente im sonnigen Süden ließ es sich aber gut leben. Würde nicht der Briefträger körbeweise Vorladen und Anklagen ins Haus schleppen.
Als wären sie das krasse Gegenteil von Schnellfeuergewehren im Amok-Einsatz, brauchten die Gerichte teilweise Monate für den nächsten Schuss. Wie in Zeitlupe wurden die Gelegenheiten verdaddelt. Es verstrichen Monate mit nichts, bis schließlich kurz vor zwölf alle panisch wach wurden und, wie so oft in ausweglosen Situationen, die schlaueste Frau an die Front schickten – und doch verloren … er war zurück.
Man hatte unterschätzt, wie viel von Lügen hängen bleibt, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Man hatte in bornierter Arroganz versäumt, Lücken zu schließen und Schwachstellen zu stärken. Man hatte sich zurückgelehnt, sich selbst als überlegen gefeiert in der Gewissheit, dass er entlarvt war. Niemand konnte das wollen, er hatte seine Fratze gezeigt.
Und dann lernte man, dass auch in einer Demokratie nicht automatisch Moral siegt und schon gar nicht Intelligenz gewählt wird.
Donald Trump war zurück.
Schlimmer als vorher.
Besser vorbereitet.
Skrupelloser.
Aber auch dümmer und vielleicht sogar ein bisschen dement. Oder wirkt das nur so und ist die rücksichtslose Selbstsicherheit von Leuten, die wissen, dass es keine Korrekturmöglichkeit mehr geben wird?
Brandgefährlich, weil unberechenbar. Unbesiegbar, weil niemand mit einem Hebel der Macht auf dem Niveau eines 8-Jährigen gerechnet hat. „Sonst sag ich’s deiner Mutter“ hat dieselbe infantile Schlichtheit wie „Sonst müsst ihr Zölle zahlen.“
Schön, wenn man sich ein wenig Kindheit bewahrt hat, gefährlich, wenn man die falschen naiven Denkmuster in ein erwachsenes Amt mitbringt.
„Ich will dein Frühstücksbrot, sonst tret’ ich dir in die Eier.“
„Aber ich teil seit 80 Jahren mein Frühstücksbrot mit dir und du kannst es wie jeden Tag auch heute gerne haben.“
„Aber ich will, dass es meins ist, alleine meins.“
My precious …?
Schluss mit lustig. Die Stimmung ist gekippt – und nicht nur vorübergehend.
Man ist so angewidert, dass die liebgewonnenen Begleiter aus der Jugend ersetzt werden:
Fritz statt Coke
G-Star statt Levis
Hoka statt Nike
Und das Traurigste:
Nicht, dass er sich verändert hat.
Sondern dass wir ihn so lange bewundert haben.
Es reicht. Man muss auch mal loslassen können.




