Band der Woche: Idles – Schweiß, Chaos, Katharsis

von | Mai 22, 2026

Ein Wohnzimmer-Setup mit Zimmerpflanzen, Stereoanlage und gerahmtem Idles Poster auf einer Kommode.

Es gibt wenige Bands, die auf der Bühne so explodieren wie Idles. Wo andere Acts distanziert wirken und mechanisch ihr Set runterspielen, entschieden sich Idles schon früh für das Gegenteil: authentisch, präsent und emotional offen. Fünf Musiker, die sich auf der Bühne komplett verausgaben.

Die Ursprungsidee der Band entstand nach einem miesen Konzertbesuch von Joe Talbot und Adam Devonshire. „Das können wir aber besser“, war die Devise. Seit 2009 spielt die Band aus Bristol eine Mischung aus Post-Punk, Punk Rock, Noise Rock und immer wieder überraschenden Ausflügen in andere Richtungen. Bei Konzerten weiß man gar nicht so richtig, wo man hinschauen soll: Frontmann Joe Talbot, die Gitarristen Mark Bowen und Lee Kiernan, Bassist Adam Devonshire und Drummer Jon Beavis geben wirklich alles – und das ist ziemlich ansteckend.

Wenn man sich das erste Mal von Talbot anbrüllen lässt, überhört man schnell, dass es sich hier nicht um stumpfe Aggression geht. Vielmehr nutzt er seine Stimmgewalt, um Emotionen freizulegen. Idles sind keine zynische Punkband; stattdessen predigen sie Empathie und weigern sich, emotional abzustumpfen. Damit stechen sie in einer Welt heraus, in der es oft als cool gilt, möglichst wenig Gefühlsregung zu zeigen.

Die Alben: Angst, Trauma, Liebe

Das Debütalbum Brutalism (2017) erschien erst einige Jahre nach der Gründung der Band. Das gab Idles allerdings die Chance, ihren Sound zu definieren und ihre Identität zu finden. Auf der Platte verarbeitet Joe Talbot unter anderem die Krankheit und den Tod seiner Mutter, indem er jahrelangen Frust herauslässt. Joy as an Act of Resistance (2018) trägt seine Botschaft bereits im Titel. Die Platte beschäftigt sich mit toxischer Männlichkeit, Nationalismus, psychischer Gesundheit und der bewussten Entscheidung, in einer kaputten Welt nicht selbst zum Arschloch zu werden. Auch Ultramono (2020) bleibt wütend, kanalisiert diese Wut jedoch noch klarer. Die Band rechnet mit gesellschaftlichen Missständen ab und ruft gleichzeitig zu Zusammenhalt und Toleranz auf.

Mit Crawler (2021) wird es persönlicher und dunkler. Das Album beschäftigt sich mit Sucht, Trauma, Einsamkeit und mentalen Abgründen. Es klingt, als würde jemand versuchen, sich selbst aus dem Dreck zurück ins Leben zu ziehen. Passend dazu geht die Geschichte auf dem Album TANGK (2024) weiter: Hier dreht sich alles um Liebe, Freude und Heilung. Plötzlich findet man sich zwischen tanzbaren und euphorischen Tracks wieder, die trotz des Kontrasts zu früheren Songs immer noch eindeutig nach Idles klingen.

Nahaufnahme eines gerahmten Idles Posters hinter grünen Zimmerpflanzen und einem bunten Blumenstrauß.

Ein lauter Sänger gegen den Zynismus

Joe Talbot sprach in den vergangenen Jahren immer wieder offen darüber, dass viele seiner früheren Texte aus einem destruktiven Zustand heraus entstanden. Therapie, Nüchternheit und Selbstreflexion hätten ihm geholfen zu verstehen, was eigentlich hinter seiner Wut lag: Angst, Verletzung, Trauer und Überforderung.

Talbots Geschichte zieht sich durch die gesamte Diskografie von Idles. Die jahrelange Pflege seiner Mutter vor ihrem Tod, der Verlust seines ersten Kindes sowie Alkohol- und Drogenprobleme – all das bestimmt den Ton der Songs. Laut zu sein war leichter, als Angst zu haben, und Aggression war einfacher, als Trauer zu zeigen. Als der Wendepunkt kam, wurde Talbot klar, dass seine üblichen Schutzmechanismen nicht mehr funktionierten. Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, bedeutete plötzlich auch, Gefühle nicht länger in Wut zu übersetzen.

Er spricht heute oft darüber, wie tief klassische männliche Muster in ihm verankert waren: keine Schwäche zeigen, Aggression als Schutzschild benutzen, Härte mit Identität verwechseln. Für Talbot wurde genau das irgendwann unerträglich. Die Lautstärke und Härte der Band wirken mittlerweile beinahe nebensächlich gegenüber Empathie, Selbstreflexion und dem Versuch, emotional nicht zu verrohen.

Am Ende sind Idles für mich persönlich eine der besten Bands der letzten zehn Jahre. Ihre Energie wirkt ansteckend, und auf jedem Album finden sich Songs, die ich auch Jahre später noch ständig höre – etwas, das bei mir nur selten vorkommt. Als Einstieg oder kleine Zusammenfassung ihres Entwicklungsbogens eignen sich meiner Meinung nach besonders die Songs „Mother“, „I’m Scum“, „The Beachland Ballroom“ und „Gift Horse“. Live hängen Idles andere Bands problemlos ab, sowohl was Stimmung als auch Sound angeht. Wer dieses Jahr nicht bei einem der beiden Deutschlandkonzerte dabei sein kann, sollte sich unbedingt ihre Performance beim Primavera Sound Festival 2025 ansehen. Dort zeigt sich schnell, ob Idles etwas für einen sind oder nicht:


Wer noch mehr Songs der Woche finden möchte, kann dies über diesen Link hier tun. Aber Achtung: der Musikgeschmack unserer Redaktion ist manchmal besonders.


Tom Krupka
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